356 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.
Bestrebungen abstarben, sind sie hier gediehen. Der Konkurrenzkampf war früher ein
nur lokaler, heute ist er mindestens ein nationaler, oft ein internationaler; für alle
leicht versendbaren Waren ist er so stark, daß er jede nicht unter den günstigsten Be—
dingungen arbeitende Industrie beseitigt.
Je kleiner nun aber der Staat, je aufgeschlossener er durch das Meer oder die
Eisenbahnen nach außen ist, je freier seine Handelspolitik, desto mehr setzt sich der
Konkurrenzkampf und die Arbeitsteilung über die politischen Grenzen hinaus fort. Die
großen kontinentalen europäischen Staaten erzeugen noch 75—900/0 ihrer Lebensmittel
selbst, Großbritannien nur noch 26— 50 *0. In der Industrie haben alle europäischen
Großstaaten seit zwei Menschenaltern einzelne Branchen verloren, um andere desto mehr
auszubilden. So ergänzen sie sich in gewissen Specialitäten gegenseitig und suchen ihren
Export nach den Tropen- und Kolonialländern, nach den Ländern mit geringerer tech—
nischer Entwickelung, nach den Ackerbaustaaten zu steigern. Deutschland setzt einen sehr
großen Teil seines produzierten Zuckers, Branntweins, Papiers, seiner chemischen und
Textilwaren im Auslande ab. Von den Seidenwaren des Krefelder Bezirkes gingen 1879
und 1880 für etwa 50 Mill. Mark ins Ausland, für 28 —24 Mill. blieben in Deutsch—
land, von den Barmer Strumpfwaren gehen 750/0 nach außen. Laves hat den Versuch
gemacht zu berechnen, welchen Teil seines Einkommens Deutschland 1880—82 für aus—
wärtige Waren ausgegeben; er kommt zu dem Resultat, es müsse 25—! / sein. Heute
(1899) führen wir bei einem Nationaleinkommen von 20 — 22 für b, Milliarden
Mark ein.
Wenn wir mit Recht diese neueren Fortschritte des Verkehrs und der Weltwirtschaft
bewundern, ihre Folgen für menschliche Wohlfahrt, Frieden und Gesittung preisen, das
dürfen wir daneben nicht übersehen, daß es keineswegs an sich eine Verbesserung bedeutet,
wenn eine zunehmende Zahl Waren lange Wege zwischen den Orten der Produktion
und der Konsumtion zurücklegen. Wo das nicht nötig ist, erscheint bei gleich guter und
billiger Güterversorgung der Konsum am Orte oder in der nächsten Nähe der Produktion
stets als das einfachere und natürlichere. Wenn heute noch die Mehrzahl aller Frauen
ohne tauschwirtschaftliche Arbeitsteilung im Hause thätig ist, wenn die landwirtschaftliche
Bevölkerung heute noch die Hälfte ihrer Produkte selbst verzehrt, wenn heute noch der
zrößere Teil aller Arbeitsteilung sich in derselben Stadt, demselben Kreise, derselben
Provinz, demselben Staate abspielt, so ist das ebenso natürlich und vorteilhaft, wie
wenn einige unserer Großindustrien ihre Produkte in alle Weltteile absetzen. —
120. Die älteren Versuche der Beurteilung und die neuere zahlen—
mäßige Erfassung der Arbeitsteilung. Eine entwickelte Arbeitsteilung erzeugt
sociale Klassen, entgegengesetzte Interessen, einen komplizierten socialen Mechanismus.
Es war natürlich, daß auch die tiefere, nach Erkenntnis ringende Einsicht der großen Denker,
geschweige denn die von Klasseninteressen getrübte Tages meinung über diese große gesell—
schaftliche Erscheinung nicht sofort nach allen Seiten das Richtige traf.
Die Alten faßten zunächst die psychologischen und sittlichen Folgen ins Auge, die
das Leben des dem Staate dienenden Aristokraten und die Thätigkeit des kleinen Acker—
bauers und Handwerkers, des als Betrüger verdächtigen fremden Kaufmannes, des als
Barbaren verachteten Sklaven habe. Wenn Aristoteles sagt, daß die Handarbeit Körper
und Geist abstumpfe, rohe, ungeschlachte Leute schaffe, wenn im Altertume die Klein—
händler, Höker und Geldwechsler als schlechte, verworfene Menschen fast allgemein an—
gesehen wurden, so lag darin neben unbedingter Wahrheit doch auch aristokratischer
Hochmut und Verkennung des Wertes arbeitsteiliger Funktionen von dem Klassenstand⸗
punkte aus, den die Philosophen und Schriftsteller einnahmen. Man sieht das schon
aus den vergeblichen Bemühungen Solons und anderer, Gewerbe, Arbeit, Kaufmannschaft
in der socialen Achtung zu heben.
Die Kirchenväter und die Resormationszeit lehnen sich an die Anschauung der
Alten an. Die Verachtung des Handels ist bei den Aristokraten des 18.—517. Jahr—
hunderts eine ähnliche wie bei Plato; Neid und Mißgunst, Unverständnis in Bezug
auf die Rolle des Handels und wirkliche Beobachtung wirkien zusammen, so daß noch