384 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Der einzelne erhält es, ob er so tüchtig ist wie sein Vater oder nicht; er erhält weniger,
wenn er mehr Geschwister hat, mehr, wenn er allein ist, Seitenverwandte beerbt. Und
wie das Erbrecht für die Eltern das Motiv zur Anstrengung, so kann es für die Kinder
der Reichen das zur Faulheit werden. Es treten sich entgegengesetzte Folgen und
UÜberlegungen gegenüber. Und Sitte und Recht werden hievon beeinflußt werden, so
langsam auch gerade hier veränderte Zustände zu einer Umbildung der Gewohnheiten
und Gesetze führen.
Welche Änderungen des Erbrechts man auch erwarten mag, wie hoch man die
Thatsache einschätze, daß schlechte und unfähige Kinder ein reiches Erbe ohne Verdienst
erhalten, daß der Zufall der Kinderzahl den einen reich, den anderen unbemittelt
mache, — all' das sind mehr individuelle Zufälle, die aus keiner Gesellschaftsverfafsung
zu beseitigen sind. Im ganzen werden wir für die Fragen der Gesellschaftsordnung nur
auf den Durchschnitt ganzer Klafsen sehen duürsfen. Und thun wir das, so werden wir
sagen: so lange die höheren besitzenden Klassen nicht entartet sind, so werden die Kinder
durchschnittlich die Eigenschaften der Eltern haben. So lange also eine gewisse Parallelität
der höheren Eigenschaften und des größeren Besitzes sich im Laufe der Generationen
erhält, so lange wird auch das Erbrecht der Kinder innerlich berechtigt sein. Dieses
Erbrecht wird Segen stiften, so lange es zum Instrument wird, um höhere perjsönliche
Figenschaften bestimmter socialer Gruppen für längere Zeit zu erhalten, ja sie zu steigern.
Wo der große Grundbesitz ausgezeichnete Staatsmänner und Generale, tüchtige unabhängige
Lokalbeamte und Vertreter des landwirtschaftlichen Fortschritts erzieht, wo der mittlere
Grundbesitz einen gesunden Bauernstand erhält, da erscheint auch die durch Jahrhunderte
erhaltene ungleiche Grundeigentumsverteilung als ein berechtigtes Mittel aristokratischer
Gesellschaftsgliederung und Erhaltung eines breiten Mittelstandes. Und wo das in den
Händen von Kaufleuten, Bankiers und Unternehmern sich sammelnde Kapital überwiegend
die Grundlage für ein gesittetes Bürgertum, der Anlaß zu kühner Aufsuchung neuer
Handelswege, zur Anbahnung technischer Fortschritte, zur Begründung neuer Industrien
wird, da wird die Erhaltung erheblicher Vermögen in denselben Familien segensreicher
jürs Ganze sein, als wenn alles neu ersparte Kapital stets sosort gleichmäßig unter
alle Bürger verteilt würde.
Das Erbrecht wird so das Mittel, eine bestehende ungleiche Grundbesitz- und
überhaupt jede Besitzverteilung zu erhalten, unter Umständen auch sie zu steigern, zumal
wenn einzelne Kinder bevorzugt werden, oder die höheren Klassen nur eine geringe
Kinderzahl haben. Es können dadurch auch die Klassengegensätze sich verschärfen, wenn
.B. der Grundbesitz sehr an Wert steigt, die Pächter oder Bauern gegenüber den
Eigentümern und Grundherren in schlechtere Lage kommen. Aber das Erbrecht schafft
nicht die ungleiche Besitzverteilung; es erleichtert nur einzelnen die wirtschaftliche Exiftenz
and damit auch die Anhäufung von Besitz. Es fragt sich nun, wie im Laufe der
Senerationen die persönlichen Eigenschaften der Befitzenden zu der Größe ihres Besitzes
sich stellen, welchen Gebrauch sie davon machen, ob zumal da, wo immer größerer Besitz
sich in wenigen Händen anhäuft, die Leistungen, Fähigkeiten und Tugenden entsprechende
find. Es kommt da ganz auf die Erziehung in den höheren Klassen, auf deren geistig—
moralische Entwickelung an. Jede ältere Befitzaristokratie ist der Versuchung ausgesjetzi,
sich dem Luxus, dem individuellen Lebensgenuß, den Lastern des vornehmen Lebens zu
ergeben, nicht mehr zu arbeiten und auf das stolze Vorrecht der Initiatibe zu verzichten.
Erst sind es einzelne ihrer mißratenen Söhne, oft bald auch der Durchschnitt derselben,
der so herabsinkt, die alten Fähigkeiten und damit die Führung des Volkes verliert.
Und doch sind ihre Glieder oft gerade in solcher Zeit in der Lage, durch geminderte
Eheschließung und Kinderzahl, Geldheiraten und Erbrecht größere Vermögen zu sammeln.
Die perfönlichen Eigenschasten sinkender Aristokratien sind es, welche die wichtigste Ursache
revolutionärer, kommunistischer Bewegungen darstellen. Daß alle Aristokratien, am
frühesten die exklusiv nach unten sich abschließenden, mit der Zeit der Gefahr der Er—
schöpfung, der Entartung erliegen, wird sich nicht leugnen lassem