Die historische Entwickelung der Bedürfnisse. 25
und so durch diese Ordnung das einzelne Bedürfnis einfügen in den rechten Zusammen⸗
hang seiner Lebensführung. Alles, was geschah, sollte durch solche verfeinerte Formen
als ein Glied in dem Plane des Lebens erkannt und gestempelt werden. Immer neue
Bedürfnisse kamen zu den alten, und die alten verfeinerten sich, komplizierten sich,
wurden vielgestaltiger, wechselvoller, anspruchsvoller. Und wir können verstehen, daß
dieser Prozeß, so viel er zugleich Falsches, Häßliches, Bizarres erzeugt, doch zugleich
das notwendige Instrument ist, uns auszubilden, unsere innere Kultur zu fördern.
Ohne die bessere Wohnung, ohne die Trennung von Wohn-, Schlaf⸗ und Arbeitszimmer
kein edleres, höheres Familienleben, ohne Trennung von Werkstätte und Wohnung keine
große maschinelle Produktion. Ja, wir können sogar sagen, ohne eine gewisse Ver—
seinerung unfserer Tafel kein hochgespanntes geiftiges Leben, keine funkensprühende
Geistesthätigkeit.
Der Stoiker mag klagen, daß wir Sklaven unserer Bedürfnisse sind, der laudator
emporis acti, daß wir die alte Einfachheit verloren haben und ein immer schwerfälligeres
Kulturgepäck mit uns schleppen. Wir mögen mit Recht immer wieder bemüht sein,
unseren Körper so zu stählen, daß er mal Mangel und Entbehrung erträgt. Im ganzen
liegt doch ein Forischritt gerade darin, wenn selbst die unteren Klassen Fleisch, gute
seleidung, saubere Wohnung und Anteil an der geistigen Kultur fordern; wenn alle Klassen
um jeden Preis an ihrem Bedürfnisniveau festhalten, es steigern wollen. Die dauernde
seste Anpassung des Menschen an einen immer komplizierteren Apparat der Bedürfnis-
befriedigung ist der Sperrhaken, der ihn vor dem Zurücksinken in die Barbarei bewahrt.
Auch wer an falsche, übermäßige Genüsse jahrelang gewöhnt ist, kann sich ihnen nicht
plötzlich entziehen. Die Nerven halten jeden mit starker Fessel an dem gewohnten Lebens—
Jeleise von Bedürfnissen fest. Soweit die Bedürfnisse aber normale sind, ist das ein
Glück; es entsteht dadurch die Kraft, auf dem erreichten Kulturniveau sich zu behaupten,
wie die Zunahme der Bedürfnisse den Fleiß, die Thatkraft, die Arbeitsamkeit immer
vieder angespornt und gefördert hat, die höhere Kultur bedeutet.
Betonen wir so die Berechtigung der wirtschaftlichen Bedürfnissteigerung im ganzen
und ihren Zusammenhang mit aller höheren Kultur, aus der sie zuletzt entspringt.
sehen wir in dem großen wirtschaftlichen Mechanismus, der unseren Bedürfnissen dient,
die in die Außenwelt verlegte Projektion innerer Vorgänge, eine komplementäre Er—
scheinung unserer höheren Gefühlsentwickelung, so foll damit doch entfernt nicht gesagt
sein, daß schlechthin jede Bedürfnissteigerung ein Segen sei, daß keine Gefahren mit ihr
sich verbinden.
Große und lange Epochen der Menschheit haben einen fast stabilen Zustand der
Bedürfnifse gehabt; solche wechseln naturgemäß mit Zeiten, in welchen eine verbesserte
Technik und wachsender Wohlstand eine große Bedürfnissteigerung erzeugten und erlaubten.
In den erstgenannten Epochen wird das Streben, alle Bedürfnisse miteinander und
nit einer gulen Gesellschaftsverfassung in Harmonie zu bringen, sogar leichter gelingen;
und deshalb wird eine fest gewordene, eingewurzelte, von sittlichen Ideen beherrschte
Bestaltung der Bedürfnisse daun von allen konservativen Elementen und von den Moral—
predigern als ein Ideal verteidigt werden, an dem nicht gerüttelt werden dürfe. Neue
Bedürfnisse erscheinen so leicht an sich als Unrecht, als Überhebung, als Mißbrauch;
und sie führen häufig auch zunächst zu häßlichen Erscheinungen, zu unsittlichen Aus—
schreitungen, die man durch Verbote, Luxusgesfetze, Moralpredigten mit Recht bekämpft.
Jedes Bedürfnis erscheint als Luxus, sofern es neu ist, über das Hergebrachte
hinausgeht. Sehr häufig ist in der Folgezeit berechtigtes Bedürfnis, was zuerst als
verderblicher Luxus erschien. Aber der steigende Luxus kann auch ein Zeichen wirtschaft⸗
licher und sittlicher Auflösung im ganzen doder gewisser höherer Kreise sein.
Die Bedürfnisse jedes Volkes und jedes Standes sind ein Ganzes, das dem Ein—
kommen und Wohlstand ebenso entsprechen soll, wie der richtigen Wertung der Lebens—
zwecke untereinander. Und zumal in einer Zeit großer wirtschaftlicher Fortschritte,
großer Anderung und Steigerung der Bedürfnisse wird es immer zuerst sehr schwer
sein, das richtige Maß im ganzen zu halten und im einzelnen iedem Lebenszwecke sein