Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

398 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Klassen. Die Specialisierung des Berufs in der aufstrebenden Zeit ist ein Element des
Fortschritts, während sie später für sich und im Zusammenhang mit anderen Ursachen
der Degeneration eine Mitursache des Verfalles sein kann. Daß die freie Berufswahl
in unserer Zeit ein ungeheurer Fortschritt sei, habe ich ebenso betont. Ich komme
darauf zurück.
Es ist so selbstverständlich, daß durch die eigentümlichen Einflüsse der Variabilität
aus allen Klassen einer im ganzen hochstehenden Gesellschafi Talente und große Männer
hervorgehen, wie daß die Almosphäre des Mittelstandes oft große Charaktere erzeugt.
Ebenso ist mir wohl bewußt, daß es in allen Klassen aufsteigende Individuen und
Familien und in den oberen entartete giebt, daß ganze Klaffen der Aristokratie durch
Inzucht, falsches und thörichtes Leben, durch übermäßige Genüsse, durch Verzicht auf
Arbeit und Initiative mit der Zeit zu Grunde gehen. Das beweist aber nicht, daß
ihre Vorfahren nicht durch das Gegenteil, durch besondere Vorzüge und Leistungen
emporstiegen, daß nicht im Durchschnitt aller Zeiten und Völker die höheren Klassen sich
durch besondere Fähigkeiten auszeichneten, auch die Mittelklassen über den unteren stehen.
Rach Galtons Untersuchungen über England ftände etwa die Hälfte aller bedeutenden
Männer dieses Staates in verwandtschaftlichen Beziehungen zu ebenso bedeutenden aus
den höheren Ständen; das beweist doch wohl, daß sie aus der kleinen Gruppe der
höher stehenden Kreise hervorgingen, während das ganze übrige Volk die andere Hälfte
der großen Männer stellte, also prozentual viel weniger an solchen hervorbrachte. Zu
ähnlichen Refultaten ist bekanntlich ein Schüler Comtes gekommen.
Der Einwurf, daß die Erziehung sehr mächtig in die sociale Klassenbildung ein—
greife beziehungsweife eingreifen könne, trifft mich nicht; ich habe das mit Energie
betont, komme darauf zuruck. Ich leugne nur, daß das Beispiel eines einzelnen un—
gewöhnlich begabten Tagelöhner- oder Kleinbauernsohnes, der, in andere Umgebung
versetzt, auf höheren Schulen erzogen, ein großer Maler, Gelehrter, Staatsmann wurde,
gegen die Vererbung von Klasseneigenschaften spreche. Man müßte die Zahl solcher
gelungenen Beispiele vergleichen mit der Zahl der nicht gelungenen, um wissenschaftlich
damit zu operieren.
Ich muß daher bei dem allgemeinen Satze bleiben, daß neben dem Rassentypus
die großen historischen Scheidungen des Berufs und der Arbeit den wesentlichsten Anstoß
zur socialen Klassenbildung gaben. Ich glaube auch trotz der gewiß beachtenswerten
kinwendungen Büchers gegen mich über den Einfluß der Besitzverteilung, daß die Berufs—
scheidung häufig und besonders in früheren Zeiten dem verschiedenen Besitz vorausging,
daß die Verschiedenheit des Besitzes auch heute noch vielfach Folge, nicht Ursache der ver—
schiedenen klafsenmäßigen und individuellen Eigenschaften ist. Daß daneben „die Besitzgrößen
und ⸗arten klassenbildend wirken, daß sie eines der wichtigsten Mittel sind, die Klassen⸗
nacht zu stärken, daß sie als Mitursachen in bestimmten Kreifen körperliche, geistige und
noralische Eigenschaften erzeugen und verstärken“, gab ich schon 1889 zu. Ich kann
heute Bücher einräumen, daß er in manchem einzelnen recht hat, besonders in seiner
Betonung des Umstandes, daß die Erziehung — nicht überall, aber vielfach — vom
Finkommen und Besitz der Eltern abhänge. Aber die meisten der historischen Beispiele
Büchers halte ich nicht für überzeugend; doch würde es zu weit führen, darauf einzugehen.
Teilweise werden sie auch durch die beiden vorausgegangenen Kapitel widerlegt; teilweise
vird der Besitzeinfluß, so weit ich ihn für richtig halte, daselbst dargethan.
Das Wesentliche des Zusammenhangs ist wohl so zu formulieren: jeder Schritt
des Emporsteigens des einzelnen und einer Klasse hat häufig gleich ein etwas größeres
Einkommen, unter Umständen auch größeren Besitz zur Folge, und deshalb verbinden
sich nun in der weiteren Entwickelung die beiden Einflüsse der Berufsthätigkeit und des
Finkommens; die Mittel- und höheren Klassen sind ohne größeres Einkommen nicht,
wohl aber ein Teil derselben ohne großen Besitz zu denken. Jedenfalls aber ist ihre
Klassenstellung mit dem Besitz allein nicht erklärt. Es ist nicht unrichtig, die heutigen
Fabrikanten mit den Kaufleuten des 16.—18. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen;
aber es giebt einen gänzlich falschen Sinn, zu sagen, aus den städtischen Rentnern seien
            
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