156 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
aller Art, oft mit ungerechter Verteilung an die Bürger befriedigen konnten. Sie gaben
deshalb von 1780—–1870 den privaten Unternehmungen wieder freiere Bahn;
die heutige Güterversorgung, die heutige Technik, der heutige Verkehr konnten damit
entstehen. Erst neuestens, als die Schattenseiten und Mißbräuche der Unternehmungen
stark hervortraten, haben Staat und Gemeinden sie teils unter Kontrolle gestellt, teils
hnen gewifse Funktionen wieder abgenommen. Die Unternehmungswelt erwuchs von
1750 bis zur Gegenwart zu solcher Größe und Leistungsfähigkeit, weil sie einen steigenden
Personenkreis, wachsende Kapitalien zu einheitlichem wirtschaftlichem Effekt zusammen—
faßte und doch frei auf dem Markt sich bewegte, durch die Gewinnchancen zu höchster
Austrengung veranlaßt wurde. Sie verlangt auf dem Markte Ersatz ihres Aufwandes
und Gewinn, sie richtet sich nach den erzielten Preisen. Ersetzen die Preise den Auf—
wand, die Kosten nicht, so stellt sie die Produktion ein oder schränkt sie ein, weil sie
den Verlust nicht ertragen will; ersetzen die Preise die Kosten reichlich, so steigt der
Gewinn, und dieses Steigen des Gewinnes verlockt die Produktion zur Ausdehnung.
So entstand mit der Unternehmung jenes freie Spiel von Verträgen, von Zu— und
Abnahme des Angebots und der Nachfrage. Der Handel kommt hinzu, die Vorräte an
den rechten Ort, zu rechter Zeit zu bringen, die Vorratshaltung zu übernehmen; auch
das geschah mehr und mehr am leichtesten, wenn die Unternehmung es übernahm. Ein
Mechanismus der freien gesellschaftlichen Marktversorgung entstand, der durch das stete
Steigen und Fallen der Preise, durch die Gewinnprämie für richtige, billige, gute
Produktion, die Verluststrafe für falsche, zu teure schlechte Produktion den größeren Teil
der Warenerzeugung und den Handel in den rechten Bahnen erhielt. Natürlich nur
in dem Maße, wie das nach der Größe und Isoliertheit des Marktes, nach der Fähigkeit
der Menschen, nach den Zufällen der Natur und des Schicksals möglich war. In kleinen
Staaten und Gebieten war es leichter als in großen Nationalstaaten und gar in der
heutigen Weltwirtschaft. Mit der Kompliziertheit der Technik, den Entfernungen des
Verkehrs, der wachsenden Größe der Betriebe wurde die Produktion für den Markt und
die Vorratshaltung in der Hand der Unternehmer auf der einen Seite freilich erleichtert,
auf der anderen aber wurde die Beurteilung des Bedarfs erschwert, weil man für die
ganze Welt und die ferne Zukunft spekulativ ihn fassen sollte. Daher neben der besseren
Versorgung im ganzen doch die wachsenden Klagen über Krisen und Arbeitslosigkeit,
über Hausse und Baisse. Die harte Korrektur der falschen Spekulation und Produktion
durch Bankerotte mußte als starker Mißstand empfunden werden. Unlautere Gewinn—
absichten konnten in das immer kompliziertere Spiel des Marktes leichter eingreifen.
Schamlose Gewinnfucht, rücksichtslose harte Konkurrenz, brutale Niederwerfung der
Schwachen konnte fündigen, wie kaum je früher.
Der Socialismus 'erklärte deshalb: die Unternehmung taugt nicht; sie will nur
Wuchergewinn machen; sie ist herzlos und gleichgültig; sie versagt, wenn der Gewinn
auf 1i—20/0 sinkt, sie wird erst bei 1009/0 kühn, bei 800/0 waghalsig, bei 100 */0 stampft
fie alle menschlichen Gesetze unter die Füße, bei 8300/0 erlaubt sie sich jedes Verbrechen.
Gewiß liegen nach dieser Seite die dunkeln Schatten der Unternehmerthätigkeit. Aber
es ist nicht falsch, daß sie bei 10/0 erlahmt, bei 8—10 energisch wird; zu mehr kommt
fie nur selten. Es ist eine Verkennung aller menschlichen Natur zu verlangen, daß der
Mensch nicht nach Gewinn strebe, nur muß die Moral- und die Rechtsregel dieses
Streben im Zaume halten. Durch Riesengewinne lassen sich nicht bloß Unternehmer,
'ondern die meisten Menschen bestechen.
über einen Teil der Unvollkommenheit der bisherigen Unternehmungen können die
Kartelle mit ihrer nationalen und internationalen Ausdehnung uns weghelfen. Ihre
Schattenseiten und Monopolmißbräuche verschwinden, wenn sie in die rechte Verfassung
gebracht werden. Ob es omnipotente, staatliche, kommunistische Organisationen
besser vermöchten, zumal in wechfelnden demokratischen Händen, das ist eben die Frage,
welche die Socialisten bejahen, alle Kenner der Geschichte und der Menschen verneinen,
Noch viel unwahrscheinlicher ist, daß es gelingen sollte, eine socialistische Central⸗
lettkung der Weltwirtschaft zu schaffen, was doch bei der heutigen geographischen