Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

12 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

und der Welt auf uns eine noch so große Rolle spielen, verstanden haben wir das
Sittliche nur, wenn wir es als das notwendige Ergebnis unseres inneren Seelenlebens
erfassen.
Die körperliche Ausstattung des Menschen, seine Hand, sein Auge, seine feineren
Muskeln haben ihm ermöglicht, sein Triebleben zu anderen Ergebnissen, als das Tier
es vermag, zu verwerten. Durch feinere Wahrnehmung und sehr viel zahlreichere Vor—
stellungen lenkt er seine Thätigkeit auf höhere Ziele; schon indem er sich Nahrung und
Kleidung mit weiterem Blick, mit Schonung, mit Selbstbeherrschung bereitet, lernt er
Besonnenheit, d. h. er hemmt, auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, momentane Triebe, er
beherrscht Gefühle, die im Augenblick hinderlich wären. Er lernt so durch die Arbeit
sich selbst beherrschen, er läßt reflektorische Bewegungen nicht zum Ausbruch kommen;
er sammelt seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorstellungsreihen, die er zusammenwirken
läßt, und erreicht so mit relativ einfachen Mitteln außerordentlich viel. Auf derselben
Veiter steigt der Mensch so zum Werkzeug, zur Arbeit wie zur Sittlichkeit empor. Alles
sittliche Handeln ist zweckmäßiges Handeln. Aber sobald neben die niederen sinnlichen
die höheren und socialen Ziele getreten sind, so bezeichnen wir mehr und mehr nur das
Handeln im Sinne der letzteren als das Sittliche und setzen das zweckmäßige Handeln
auf dem ersteren Gebiete als das Nützliche dem Sittlichen entgegen. Die Zweckmäßigkeit
der Natur erhebt sich so im nützlichen und sittlichen Handeln auf seine hoͤheren Stufen.
Indem der Mensch die niedrigen Zwecke den höheren unkerordnet, die Wohlfahrt in jenem
höheren Sinne anstrebt, die auf das Ganze gerichtet ist, handelt er gut.
Wie gelingt ihm aber die Unterscheidung von gut und böse, wenn er vor der
Wahl steht, wenn er in jedem Momente von verschiedenen Möglichkeiten die richtige, von
verschiedenen Zwecken den guten wählen soll? Die Erkenntnis, die Weisheit, sagt
Sokrates, muß ihm den Weg weisen. Und gewiß giebt es keinen sittlichen Fortschritt,
— O
hänge, der Kausalverbindungen, der Zwecke und der ihnen dienenden Mittel, ohne Vor—
stellung von den Folgen des guten Handelns in der Zukunft. Aber die Erkenntnis
giebt nicht an sich die Kraft der richtigen Entscheidung, des guten Handelns. Das
höhere Gefühl, das den Wert des Guten und des Besseren findet, mit impulsiver Kraft
dafür entscheidet, giebt den Ausschlag. Die Freude, unter den möglichen Handlungen
nicht die schlechte, sondern die gute zu thun, hebt uns über Zweifel und Versuchung
hinweg, sie durchglüht und elektrisiert uns, sie befestigt die Kraft, in ähnlichen Faͤllen
wieder gut zu handeln. Aber dieses Gefühl erwächst und stärkt sich erst im Zusammenhang
 mit unserer Beobachtung der Handlungen dritter Personen.
Es wird, je weniger unser sittliches Gefühl und Ürteil noch entwickelt ist, uns
biel leichter, beim Anblick der Handlungen dritter zu sagen, das ist gut, das ist böse.
Der Mensch fällt bei der Beobachtung der Fehltritie eines anderen viel sicherer als bei
seinen eigenen das Urteil: du thust Unrecht, verdienst Strafe. Wir haben bei solchem
Anblick von der mißbilligten Handlung keinen augenblicklichen Vorteil, wie in dem Fall,
in welchem wir selbst der Versuchung ausgesetzt find. Wir haben von der gebilligten
Handlung die reine Freude des Mitempfindens, von der gemißbilligten die volle Unlust
der Entrüstung. Auf diesem Mitklingen und Anklingen der Thaten und der Motive
dritter in unserer eigenen Brust, auf diesen sympathischen, zu Freude und Vergeltung
anregenden Gefühlen beruht wesentlich die Ausbildung der sittlichen Gefühle, des sitt—
lichen Urteils und der Fähigkeit, sittlich zu handeln. Je energischer und je regelmäßiger
—— unterwerfen, desto mehr wird
sich uns durch die notwendige Einheit alles Denkens die Frage aufdrängen: sollen wir
nicht denselben Maßstab, wie auf andere, auf uns anwenden? Wir werden uns daran
zrinnern, daß andere uns so messen werden, wie wir sie. Wir werden selbst bei geheimen
Handlungen uns fragen, was die Welt, die Freunde, die Nachbarn dazu sagen würden.
Der Mensch lernt so im Spiegel der Mitmenschen sich selbfi erst richtig beurteilen. Er
wendet notwendig die Reflexionen, mit denen er die Handlungen und Motive anderer
begleitet, auf sich an; dieselben Gefühle der Billigung und Mißbilligung stellen sich
            
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