Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Alle Gesellschaft ein Kompromiß zwischen Streit und Frieden. 67

Erklärung der Bevölkerungserscheinungen benutzt und aus Erscheinungen, in denen sein
deutscher Vorgänger Süßmilch eine göttliche Ordnung sah, Faustkämpfe gemacht, die
mit Recht den Armen, dessen Arbeit die Gesellschaft nicht bedürfe, wieder durch Hunger
und Krankheit entfernen. Die Socialisten haben nur die Kämpfe der socialen Klassen
gesehen, das Recht der Schwachen auf Organisation in Anspruch genommen, um den
Mächtigen und den Aristokraten entgegen zu treten, während sie in ähnlichem Optimismus
wie A. Smith die Kämpfe der Völker nicht kannten oder als bloßes Unrecht verurteilten.
Ihre aristokratischen Gegner und die Anwälte des Kapitals, die Reichen, die Starken
haben ebenso einseitig das Herrenrecht dieser Kreise gepredigt und in jeder Armenunter—
stützung, jeder Arbeiterversicherung, jedem Kampfe gegen Arbeitslosigkeit eine falsche Er—
haltung der geringeren und schlechteren Elemente gesehen, nicht einmal eingedenk des
Darwinschen-Wortes, daß die heutigen Sieger im Kampf ums Geld keineswegs stets
die Besten und die Tüchtigsten seien.
Wir sehen, wie wechselvoll der Kampfgedanke verwertet wurde, wie wenig Sicheres
dabei bisher herauskam, weil man ein Schlagwort ohne nähere Prüfung der konkreten
Verhältnisse, Menschen, Institutionen und der Folgen des Kampfes im einzelnen an—
wandte. Wir kommen auf diese speciellen Verhältnisse unten. Hier ist nur zu sagen:
im internationalen Handelskampfe, im individuellen Kampfe auf dem Markte um den
Preis und den Absatz, im socialen Kampfe der Klassen handelt es sich um große psfycho—
'ogische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse, wobei stets zugleich Gruppen zu
friedlichem Zusammenwirken durch bindende Ordnungen des Rechtes, der Sitte und der
Moral zusammen zu fassen sind, wobei dem egoistischen Interesse der einzelnen und der
Bruppen ein gewisser Spielraum zu gönnen, aber zugleich eine Grenze zu setzen ist.
Teilweise reguliert der Egoismus sich selbst und hält durch Druck und Gegendruck den
Mißbrauch ab; ebenso oft aber muß er gebändigt werden.
Man hat Sitte, Moral und Recht Streitordnungen genannt; das ist bis
auf einen gewissen Grad richtig, nur muß man hinzufügen, daß die immer feinere und
gerechtere Ausbildung der Streitordnungen eine Hauptaufgabe der höheren sittlichen
Kultur sei, und daß der letzte Zweck der Streiteinengung nicht bloß die Schaffung des
Friedens, sondern die immer größerer, harmonisierter, komplizierterer und wirkungsvollerer
Kollektivkräfte fei. Concordia parvae res crescunt. Je höher unsere sittliche und staat—
liche Entwickelung geht, desto mehr müssen auch die Leute mit starker Faust und großem
Beldbeutel, mit verschlagener Pfiffigkeit sich den sittlichen Lebensordnungen fügen, desto
weniger werden brutale Vergewaltigungen, Ausbeutungen, harte Herrschaftsverhältnisse
nehr zugelassen. Mehr und mehr läßt man nur bestimmte Arten des Sieges zu, den
Sieg der größeren Intelligenz und Fähigkeit, der sich im Konkurrenzkampf vor der
Offentlichkeit, im Kampf um die Ämter vor der Prüfungsbehörde ausgewiesen hat.
Man muß suchen, die Siege der Klugen zugleich zu Siegen der Edlen und Guten zu
machen. Man wird im Kampfe der socialen Klassen nicht den unteren Handschellen
anlegen, den oberen freie Bahn geben, — aber auch nicht die Ausschreitungen der
unteren Klassen, soweit sie zu maßloser, vergiftender Leidenschaft, zu Gewaltthätigkeiten,
zur Bedrohung des ganzen öffentlichen Friedenszustandes und der volkswirtschaftlichen
Blüte der Nation führen, dulden dürfen. Man wird mit allen Mitteln suchen müssen,
an die Stelle roher, mit brutaler Gewalt durchgeführter Kraftproben, an Stelle von
Kämpfen mit zufälligem Ergebnis billig vernünftige Entscheidungen von Schiedsgerichten
oder Behörden zu setzen. Man wird sich stets erinnern, daß nur ein gewisses Maß
des Streites und Kampfes die Energie und Thatkraft fördert, ein weiteres diese Eigen—
schaften auch lähmen kann. Schutzmaßregeln, Erziehung, Wettkämpfe beschränkter Art
können für viele Kreise richtiger sein, auch die Energie mehr fördern als überharte,
erschöpfende und tötende Kämpfe. In jeder civilisierten Gesellschaft findet eine fort—
währende Ethisierung aller Kämpfe statt. Selbst die kriegführenden Truppen unter—
werfen sich den Satzungen des Völkerrechts.
Der Kampf hört damit nicht auf, und er soll nicht aufhören. Jedes Individuum
und jede Gruppe will sich behaupten, will leben, sich ausdehnen, an Macht zunehmen.
            
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