Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Der Arfsprung der Moralsysteme, ihre Hauptarten. 71 
des Menschengeschlechtes auf der nur durch tastende Versuche fortgebildeten Bahn besserer 
Organisation. 
b) So sind seit dem fünften Jahrhundert vor Christi in Griechenland und dann 
seit dem Wiedererwachen wissenschaftlicher und philosophischer Studien gegen Ende des 
Mittelalters hauptsächlich zwei Gruppen von Systemen der Moral miteinander im 
sampfe, die senfnalistisch-materialistischen und die metaphysisch⸗idealistischen. Die ersteren, 
mehr von der nächsten Wirklichkeit ausgehend, ohne großen Überblick und tieferen Sinn 
ür das Uberirdische und Ideale, waren das Ferment der Auflösung der überlieferten 
Religionen, die Totengräber der überlebten Kultur, die Erzieher der Individualität, die 
Begrunder moderner Kinrichtungen, teilweise auch die Vernichter der vorhandenen sitt— 
lichen Spannkräfte und der bestehenden Gesellschaftsinstitutionen. Ihnen stellten sich 
mner wieder die idealistischen Systeme gegenüber, teils versuchend, das Gute der Ver⸗ 
zangenheit zu retten, teils Idealbilder einer besseren Zukunft vorzuführen. 
Zu den ersteren gehören im Altertum die Sophisten und Epikur, in neuerer Zeit 
Gafsendi, Hobbes, Locke, die französischen Encyklopädisten, Bentham, J. St. Mill, 
Benecke, Feuerbach und ihre modernsten RKachfolger; zu den letzteren Plato, die Stoa, 
der Neuplatonismus, Augustin, Thomas von Aquino, Hugo Grotius und die an die 
Stoa sich anschließenden Naturrechtslehrer, dann Leibniz, Kant, Schelling, Hegel, in 
zewissem Sinne auch Auguste Comte. Die ersteren Schulen wollen eine Formel für das 
Gute, für das richtige Handeln finden; sie stellen die Lust, das Nützliche, die Gemüts⸗ 
ruhe des Individuums, neuerdings das Glück der einzelnen oder der Gesellschaft in den 
Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Staat, Gesellschaft und Volkswirtschaft lassen sie durch 
iußeres Zusammentreten der Individuen entstehen, die sie bald mehr als im Kampf, 
hald als von Rotur in friedlichen Beziehungen begriffen sich denken. Das indivi⸗ 
dualistische Naturrecht des 17. und 18. Jahrhunderts und die neuere Utilitätsethik find 
hre Hoöhepunkte; beide wesentlich beeinflußt von den antiken Lehren Epikurs, des flachen 
Verteidigers der individuellen Glückslehre einer absterbenden Kulturepoche. Die Systeme 
dieser Richtung haben vieles einzelne richtig beobachtet, sie haben in richtiger Weife 
tets das Sittliche an das Natürliche angeknüpft, sie haben darin Recht, daß das Streben 
nach Glück im Centrum aller ethischen Betrachtung steht. Aber im ganzen ist ihre 
Beobachtung des sittlichen Thatbestandes, der sittlichen Kräfte und Güter doch eine ein— 
zeitige, das Leben nicht erschöpfende; fie überschätzen die Reflexion und die Verstandes— 
hätigkeit; sie stehen den großen gesellschaftlichen Erscheinungen und den großen Epochen 
chöpserischer Leistungen teilweise ohne das rechte innere Verständnis gegenüber. 
Die idealistischen Moralsysteme gewinnen ihre Kraft durch großartige und tief— 
zedachte Welt- und Geschichtsbilder, duͤrch religibss empfundene, künstlerisch abgerundete 
Vorstellungsreihen über Gott, die Welt und die Menschheit. Mit der Wucht idealistischer 
Forderungen, mit der Autorität schlechthin über das Menschliche erhabener sittlicher 
Febote treten sie den Menschen entgegen, leiten die Pflichten aus angeborenen Vernunftideen 
oder Erinnerungen der Menschenseele an ihren göttlichen Ursprung ab. Sie stellen das 
Fule in schroffen Gegensatz zum Natürlichen, verschmähen haäufig das Glück als Beweg— 
zrund des Sittlichen; sie stellen Staat und Gesellschaft stets als das Ganze, als das 
höhere und Gute, als einen Teil der sittlichen Weltordnung dem Individuum und dem 
Egoismus gegenüber. Sie haben Großes gewirkt für die Erziehung der sittlichen Kräfte, 
für die Heiligung eines strengen Pflichtbegriffes, für das Berständnis und die Würde 
der gesellschaftlichen Institutionen. Aber sie ruhten vielfach mehr auf Hypothefen und 
ideaustischen Annahmen, übersahen das empirische Detail der psychologischen Vorgänge 
und gesellschaftlichen Einrichtungen. Sie hielten nicht Stand vor der fortschreitenden 
strengeren Wissenschaft. 
Diese Wissenschaft, welche nicht sowohl ein Sollen lehren und Ideale aufstellen, 
als das sittliche Leben empirisch beschreiben, aus den psychologischen und gesellschaft— 
ichen Elementarthatsachen verstehen und ableiten will, hat sich so naturgemäß feit alter 
Zeit neben beiden Arten von Systemen entwickelt. Wir können Aristoteles als den 
Froßen Ethiker feiern, in dem zuerst das wissenschaftliche Interesse das Ubergewicht über
	        
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