Die Reformation und die neueren Wissenschaften. 81
Zum Naturrecht: Stahl, Geschichte der Rechtsphilosophie. 1880. 5. Aufl. 1878. — Hinrichs,
Geschichle des Natur- und Völkerrechts. 128, 1848 50 (geht von der Reformation bis Wolf). —
Borlaͤnder, Geschichte der philosophischen Moral, Rechts- und Staatslehre der Engländer und
Franzosen 1885. — Bluntschli, Geschichte des allgemeinen Stagtsrechts und der Politik. 1864. —
Dilthey, Das natürliche System der Geisteswissenschaften im 17. Jahrhundert. Archivef. Gesch. d.
Philof i898 908. . Seydel und Rehm, Geschichte der Staatsrechtswissenschaft. 1896.
37. Die Anfänge der neueren Wifsenschaft überhaupt. Aus der
Wiederbelebung der antiken Studien, wie sie ihren Ausdruck im Humanismus des 15.
und 16. Jahrhunderts fand, und aus der Reformation entsprang eine geistige Bewegung,
die mit Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton zur Begründung der Naturwissenschaften,
mit Bacon, Descartes, Spinoza und Leibniz zu einer der antiken ebenbürtigen Philosophie
und im Zusammenhange mit den praktischen Bedürfnissen der neuen Staats- und Gesell⸗
schaftsbildung in Bodinus, Hobbes, Hugo Grotius, Pufendorf, Shaftesbury, Adam Smith
erst zu einer allgemeinen Staatslehre (dem sogenannten Naturrecht), dann zur National⸗
zkonomie führte, Alle diese wissenschaftlichen Anläufe stehen auf demselben Boden. Uber
die Kirchenlehre der Reformation hinausgehend, traut sich die menschliche Vernunft direkt
die Gottheit, die Natur und das Menschenleben zu begreifen; die Wissenschaft sucht sich
loszulbsen von Offenbarung und kirchlicher Satzung; sie traut sich im stolzen Gefühle der
erreichten Mundigkeit den Flug nach oben, auch auf die Gefahr hin, daß er teilweise ein
Ikarusflug werde. Das Beduͤrfnis, über Natur und Welt, Staat und Gesellschaft ge—
dankenmäßig Herr zu werden, ist so groß und so dringlich, die Staatsmänner wie die Ge—
lehrten jener Tage haben einen so starken positiven Zug, haben so festen Glauben an sich
und die Resultate ihrer Überlegungen, daß Kritik und Zweifel immer wieder rasch in
'est geschlossene Systeme umschlagen, welche bestimmte Ideale enthalten, an welchen mit
deidenschaft gehangen, für welche praktisch gekämpft wird. Wenigstens für die wissen⸗
schaftlichen Versuche der Ethik, der Staats- und Rechtslehre, der Volkswirtschaftslehre
zilt dies zunächst und in abgeschwächter Weise bis auf unsere Tage. Es entstehen
Theorien, die, obwohl teilweise auf Erfahrung und Beobachtung ruhend, obwohl auf
Erkennen gerichtet, doch in erster Linie praktischen Zwecken dienen. Aus den Bedürfnissen
der Gesellschafi und ihrer Neugestaltung heraus werden Ideale aufgestellt, werden Wege
gewiesen, Reformen gefordert, und dazu wird eine Lehre, eine Theorie als Stützpunkt auf⸗
gestellt. Und die Möglichkeiten sind so auseinandergehend, die Auffassung und Beurteilung
Zessen, was not thut, ist nach philosophischem und kirchlichem Standpunkte, nach Klassen—
interesse und Parteilosung, nach Bildung und Weltanschauung so verschieden, daß in
verstärkten Maße das Schauspiel des späteren Altertums und des Mittelalters sich
wiederholt: eine Reihe entgegengesetzter Theorien entwickelt sich und erhält sich neben—
»einander, wie in der Moral, so auch in der Staatslehre, der Nationalökonomie, der
Socialpolitik. Die letzten Ursachen hievon sind die von uns schon (S. 69—70) besprochenen.
Aus den Bruchstücken wirklicher Erkenntnis läßt sich zunächst nur durch Hypothesen
und teleologische Konstruktionen ein Ganzes machen. Aber ein solches ist nötig, weil
der Einheitsdrang unseres Selbstbewußtseins nur so zur Ruhe kommt, und weil nur
durch geschlossene, einheitliche Systeme der menschliche Wille praktisch geleitet werden
kann. Der nie ruhende Kampf dieser Systeme und Theorien hat eine kaum zu über—
schätzende praktische und theoretische Bedeutung; die jeweilig zur Herrschaft kommenden
Theorien übernehmen die Führung in der Politik und die Umgestaltung der Gesellschaft,
und aus der immer wiederholten gegenseitigen Kritik und Reibung entsteht der Anlaß
zum wirklichen Fortschritte im Leben und in der Erkenntnis. Die späteren Systeme
und Theorien enthalten einen steigenden Anteil gesicherten Wissens neben ihren ver—
zänglichen Bestandteilen.
Wir betrachten nacheinander das sogenannte Naturrecht, den Kreis der merkantilisti—
ichen Schriften, die Naturlehre der Volkswirtschaft und die socialistischen Systeme als die
am meisten hervortretenden sich folgenden Richtungen des volkswirtschaftlichen Denkens,
ofern es in bestimmte Ideale und Systeme der pratktischen Politik auslief, um erst
Schmoller, Grundriß der Volkswirtichaftslehre. J. 426. Aufl. 8