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1043)] Die Handelspolitik der Niederlande 1880 1800. 5
niedriger, besonders für die Rohstoffe der Industrie; rohe Wolle und Fischnetze war
verboten auszuführen. Da Sir Walter Raleigh bemerkte, die Tariffätze seien niedriger
als in England und Frankreich, so kam er zum Schluß, die angebliche Handelsfreiheit
sei die Ursache der holländischen Handelsblüte, und die Ursache der niedrigen Zölle sei,
daß die Kaufleute an der Regierung beteiligt wären.
Die teilweise alte Industrie der Städte war durch Zunftstatuten und gewerbliche
Reglements geordnet; letztere galten für die Grundlage ihrer Blüte; die Einwanderung
aus dem spanisch gebliebenen Belgien hatte viele Gewerbe, hauptsächlich die Woll⸗
industrie, sehr gehoben. Doch hatten auch erhebliche Schutzzölle gegen England 1620
nachgeholfen (524 fl. pro Stück Tuch: Leser). Immer blieb der industrielle Schutz
ein mäßiger. Das Verbot der Einfuhr englischer Ware, 1652 und 1667 beim Kriegs⸗
ausbruch verhängt, wurde mit dem Frieden jedesmal wieder beseitigt. Auf den harten
Schlag des französischen Tarifs von 1667 verlangte die populäre Stimmung in Holland
Retorsionen; trotz alles Widerstrebens der Admiralitäten und De Witts kam es zum
Zollkrieg 1671 (Verbot des französischen Branntweins, hohe Belegung bis 500/0 von
Salz, Battisten, Leinwand Porzellanwaren) und zum wirklichen Krieg 1672; noch vor
dem Frieden hob man die Kampfzölle aber als zu schädlich wieder auf (der holländische
Zwischenhandel mit den französischen Waren nach Nordeuropa drohte vernichtet zu
werden), Frankreich allerdings auch seinen Tarif gegen Holland im Jahre 1678. Und
zu einem eigentlich industriellen Schutzsystem kam es erst im 18. Jahrhundert, als die
holländische Volkswirtschaft zurückzugehen begann. Der Höhepunkt der Macht der
stiederlande liegt in der Zeit bis 1648, höchstens bis 1672. Von da an stieg wohl
noch die Bevölkerung und der Kapitalreichtum; aber schon 1655 hatte Cromwell über
Holland gesiegt; der Krieg von 1672 war ein schwerer Schlag; in den großen Kriegen
von 16885251718 kämpften die Niederlande im Gefolge Englands gegen Frankreich;
die Siegesbeute fiel England allein zu. Nun wurde man bis 1800 ängstlich und
friedfertig um jeden Preis. Holland war 1750 — 1800 nicht mehr das bewunderte Vor—⸗
bild für die anderen Staaten.
Die Gunst der Lage und des historischen Schicksals, die wirtschaftlichen und
politischen Fähigkeiten seiner Kaufmannsaristokratie, der Heldenmut und die Fähigkeiten
des führenden Fürstenhauses der Oranier haben die Republik der Niederlande zu ihrer
Höhe uͤnd zu ihrem Reichtum geführt; das Wesentlichste aber war, daß die centralistische
Staatsgewalt während des Kampfes mit Spanien alle Mittel staatlicher Macht mit
seltener Energie, Klugheit und Weitsicht zugleich für Unabhängigkeit und Glauben wie
Ar die materiellen Interessen des Handels, der Kolonieerwerbung, der Fischerei u. s. w.
einsetzte. Es ging so lange glänzend aufwärts, als die Kaufherren die Führung der
Oraunier ertrugen; als sie aber in falschem Tyrannenhaß Cromwell 1655 versprachen,
dieses Haus für ewig von der Statthalterwürde auszuschließen, begann auch der Sieg
der Kraͤmer- und Monopolpolitik über staatsmännische Leitung, begann die zu starke
Mißhandlung der unteren Klassen (des verachteten Jan Hagels), der Kolonien, die
allzu kurzsichtige Mißhandlung der europäischen Konkurrenten und wirtschaftlich aus—
zgebeuteten Rachbarn. England und Frankreich, an Macht überlegen, führten die ersten
Revanchestreiche; Deutschland fing an, seine Waren aus den Kolonien direkt über
Hamburg zu beziehen; Frankreich, die österreichischen Niederlande, Preußen und andere
industrielle Konkurrenten emancipierten sich; aus Portugal wurden die Holländer 1708
durch England verdrängt, aus Rußland ebenso im Laufe des 18. Jahrhunderts. In
den großen Compagnien und städtischen Verwaltungen wuchs Korruption, Nepotismus,
Fugherzigkeit. Gegen 1780-1800 ist die Republik innerlich verfault und trotz ihrer
noch reichen Kolonien zu klein und zu ohnmächtig, fich in einer großen Katastrophe
zu erhalten. Das Hauptland ist stets ein schmaler Küstenstrich mit 2583 Mill. Seelen
geblieben; es ist stets ein zu loser Staatenbund geblieben; das napoleonische Zeitalter
beseitligte den Staat: nur die Rivalität der Großmächte stellt ihn 1815, resp. 1830
wieder her.