Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

588 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. 1046 
Zunächst nur noch einige Worte über die andern Maßnahmen der französischen Handels— 
volitik seit Colbert. 
Was die Getreidehandelspolitik und die Landwirtschaft betrifft, so hat Colbert 
nicht wie Sully in letzterer den Schwerpunkt der Volkswirtschaft gesehen; aber er suchte 
sie durch freien innern Verkehr, Wege- und Kanalbau zu fördern, durch Steuerermäßigung 
zu erleichtern. Je nach dem Ernteertrag erschwerte oder verbot er die Getreideausfuhr, 
häufiger ließ er sie frei; soweit er sie sperrte, geschah es aus militärischen und Ernie— 
ursachen, sowie um den getreidearmen innern Provinzen ihre Ernährung zu sichern; die 
getreidereichen waren die Seeprovinzen, die in schlechten Jahren bisher mehr den 
Fremden als den Centralprovinzen zu Hülse gekommen waren. Erst von 17001768 
überwog ein falsches System dauernder Getreideausfuhrsperren, an dem man dann 
1765—1789 ängstlich und unsicher herumexperimentierte. (Galiani, Naudé.) 
Die Schiffahrt hob Colbert mit großem Erfolg: die königliche Flotte nahm von 
1661-1671 von 80 auf 196 große Schiffe zu; 1675 standen 87 alte englische gegen 
97 neue französische Kriegsschiffe; erst im Kriege von 1700 - 1718 verfällt fie, um dann 
wieder zu steigen und im 7 jährigen Krieg (mit der französischen Handelsmarine) von England 
vernichtet zu werden. Die Handelsmarine hob Colbert durch Prämien für fremde Schiffe 
und Schiffer, die sich naturalisieren ließen; ihre Frachtthätigkeit suchte er durch eine 
Cromwell nachgeahmte Navigationsakte 1659 zu fördern; da man die holländischen 
Schiffe nicht entbehren konnte, so erlaubte man die Ein- und Ausfuhr auf fremden 
Schiffen, aber nur gegen eine Abgabe von 50 Sous pro Tonne; man beseitigte sie aber 
schon 1662 für die Holländer bei der Einfuhr. Das Freihafensystem, der Vertrag mit 
der Türkei 1673, der große Zollermäßigung brachte, und andere Mittel stellten den 
ranzösischen Mittelmeerhandel wieder her, hoben den füdfranzösischen Tuchabsatz sehr. 
Pläne, sich Agyptens zu bemächtigen und den Suexzkanal zu bauen, kamen ireilich nicht 
zur Ausführung. 
Den ältern meist resultatlosen Rolonialplänen und Compagniegründungen (1599 
bis 1648) folgte mit Colbert eine neue AÄra solcher, die auf den vst- und westindischen 
Handel, auf Canada, Louisiana, die Mifsfissippigebiete, den nordischen und levantischen 
Handel gerichtet waren; viele scheiterten; es fehlle die religiöse Duldsamkeit der Holländer 
und Engländer in den Kolonien; in den Compagnien fritten sich die Kaufleute der 
einzelnen Städte zu sehr; die alles dirigierende Staatsleitung machte diese Fehler nicht 
zut, sfondern fügte andere hinzu. Doch war Frankreich bei Colberts Tod (1683) eine er⸗ 
hebliche Kolonialmacht, hatte sich in Canada, in Westindien, den heutigen Vereinigten 
Staaten und sonst festgesetzt. Im 18. Jahrhundert erfolgte ein weiterer Aufschwung, mit 
durch Laws liberalere Kolonialpolitik, besonders in den Antillen. Die franzöfische Herr— 
schaft drohte bis 1760 die englische in Indien und Nordamerika zu überflügeln. Erst der 
Tjährige Krieg und die Revolutionszeit raubte Frankreich seinen Kolonialbesitz und 
Hhandel. Nach Moreau de Jondos betrug der französische Kolonialhandel (Aus- und 
Finfuhr) 1716 47, 1788 347 Millionen Fr. (bei 2183 und 1128 Mill. Gesamthandel). 
Im ganzen hat Frankreich von 1688—1786 die Colbertsche Handelspolitik bei— 
behalten, aber sie immer schlechter im einzelnen ausgeführt. Die Anläufe zur Ver⸗ 
besserung (wie der liberale französisch-englische Handelsvertrag von 1713) mißglückten. 
Der Hauptgrund aber, daß Frankreich volkswirtschaftlich und politisch nicht so wie 
England emporkam, liegt nicht in seinem Merkantilismus an sich, sondern darin, daß 
»s in seinem Innern von 1683—-1780 schlecht regiert war, und daß es mit seiner 
Handels- und Kolonialpolitik eine Landeroberungspolitik verbinden wollte, erft gegen⸗ 
iber Italien, dann gegen Spanien und die spanischen Niederlande, endlich gegen 
Deutschland, daß es 1700 den spanischen Thron und den westindischen Handel für einen 
ranzösischen Prinzen erobern wollte, und so eine Koalition ganz Europas gegen sich 
ju stande brachte. Frankreich hätte im 17. Jahrhundert stets Holland gegen England 
tützen sollen. Die Einfälle einer königlichen Maitresse führten es in den 7 jährigen 
Krieg, in dem es Indien, einen Teil der Antillen, Canada, Senegal und Louisiana 
derlor. Immer war es auch nachher zur See noch stark genna, die Vefreiung der Ver—
	        
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