Naturrecht gegenüber stellen. Etliche betrachten den Vertrag als
die einzige Art der Völkerrechtsbildung , andere lassen neben
ihm auch andere Entstehungsquellen zu, namentlich Gewohnheit,
Staatsgesetz, richterliches Urtheil. Aber sehr viele fassen wieder
einzelne dieser besonderen Quellen, vor Allem die Gewohnheit,
als einen „stillschweigenden Vertrag“, ein „tacitum pactum“ auf,
dem sie den Vertrag im engeren Sinne als ausdrückliche Ueber-
einkunft entgegensetzen.!) Selbst solche Schriftsteller, welche die
Gewohnheit als einzige „Quelle“ des Völkerrechts oder doch des
„positiven“ Völkerrechts betrachten ?), leugnen damit. nicht alle
die Möglichkeit, dass aus einem Vertrage objektives Recht her-
vorgehen könne.?) Vielmehr erbliceken auch von diesen manche
1) Anklänge schon bei Grotius (Prol. $ 1). Dann Wolff, 8 24;
Vattel, Prel. 8 25; Günthera. a. 0. I. S. 16 £., 28 ff, (sehr elegante Aus-
ginandersetzung!) ; Saalfeld, Handbuch S. 4; Klüber a. a. 0, $ 3; 8. auch
y. Kaltenborn, Kritik des Völkerrechts. Leipzig 1847. S. 109; v. Mohl,
a. a. O0. S. 469; Rulf in Bruder’s Staatslexikon V. Sp. 1004; Rönault
a. a. O. p. 33, 41; Laurent, Droit civil international I. Brüssel u. Paris
1880. p. 11 et suiv.; Weiss, Traite €lömentaire de droit international prive.
2. ed. Paris 1890. Introd. p. 23, 25 et suiv.; Chretiena, a. 0. p. 7, 9et suiv.;
Piedelievrea. a. O.; Pradier-Foder6, Droit international I p. 86, vergl.
p. 67, 78, 99 u. ö.; Phillimore, Commentaries I. p. 38 foll,; Creasya. a. 0.
p. 77 foll.35 Hallecka. a. O0. I p. 51; Carnazza-Amari I. p. 55; Pieran-
tonia. a, O. p. 40; Calvo, Droit international I. p. 143.
2) Textor, Synopsis juris gentium. Basel 1680. c. 1 $ 17seq., $ 24.
‘Doch wäre nach ihm Vertragsvölkerrecht nicht undenkbar, nur hält
er es für seiner Zeit noch fremd); Bynkershoek, Quaestiones juris publici.
1737. passim; Glafey, Recht der Vernunft. 3. Aufl. Frankfurt u. Leipzig
1746. 8. 193 £f.; Schmalz, Europäisches Völkerrecht. Berlin 1817. S. 1ll,
10, 44; Ahrens, Naturrecht. 6. Aufl. IL Wien 1871. S. 519; v. Neumann,
Grundriss des heut. europ. Völkerrechts. 3. Aufl. Wien 1885, S. 5, 6f.;
Geffcken zu Heffter, Völkerrecht S. 5; derselbe, Das Problem des
Völkerrechts. Nord u. Süd XI. S. 233ff.; Triepel, Die neuesten Fort-
zschritte auf dem Gebiete des Kriegsrechts. Leipzig 1894. S. 3ff. (Wie aus
dem Folgenden ersichtlich, halte ich den damals von mir eingenommenen
Standpunkt nicht mehr für haltbar); Beling, Exterritorialität S. 14; Wild-
man, Institutes of International Law. I. London 1849. p. 1 u. ö.
3) Was allerdings die Mehrzahl von ihnen thut, unterstützt von anderen,
Vgl. namentlich v. Neumann und Triepela. a. 0. O0.; Gareis, Institutionen
des Völkerrechts. Giessen 1888. S. 4; Seligmann, Abschluss und Wirk-
samkeit der Staatsverträge. Freiburg 1890, S.14ff.; Belinga. a. O0. 8. 10£.;
Wildmanaa. a. O0. p. 2. Wie verträgt sich aber damit, dass v. Neumann
S. 7 sagt, Verträge könnten „das bereits gewordene Recht näher bestimmen,
modifeciren“ u.8. w.? Auch Geffeken ist nicht konsequent. wenn er (Nord