Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 189 
reineren Gedankeninhalt in sparsam knapper Federzeichnung 
birgt: der Gedanke hatte die Vracht der Einzelvorstellung noch 
nicht beseitigt. 
Es war freilich nur eine andere Seite dieses Charakters 
der Sprache, wenn sie fast noch keinerlei persönliche, individuelle 
Handhabung gestattete. Ihre Laut- und Flexionsverhältnisse sind 
rein und unbeugsam, die syntaktischen Gesetze gelten ausnahms— 
los und lassen nicht mit sich paktieren: der sprachliche Fortschritt 
vollzieht sich noch nicht durch litterarische Einwirkung, sondern 
im Dunkel unmittelbar sprachlicher Bewußtseinsäußerung der 
Menge. Dementsprechend schreibt man selten einen individuellen 
Stil; auch in der lateinischen Litteratur der Zeit ist der Be— 
griff des Stiles fast noch unbekannt, so daß es nur ausnahms— 
weise gelingt, die litterarische Überlieferung nach stilistischen 
Merkmalen mit Bestimmtheit zu sichten. Ja selbst die Satiren 
und Streitschriften des 11. Jahrhunderts, Werke verhältnis— 
mäßig besonders persönlicher Art, haben noch viel Typisches; 
in jedem Traktate, gleichviel welchen Verfassers, wiederholt sich 
dieselbe Diktion, fast die gleiche Reihe von Ausdrücken, Ge— 
danken und Bildern. 
Wie in der Sprache so hatte man sich auch im Leben und 
—D— 
Entfernungen irgendwie herrschend heimisch gemacht. Dieselbe 
Unfähigkeit, das thatsächlich Gegebene geistig scharf zu fassen 
und wiederzugeben, begegnet auch hier. Man sah gleichsam 
nur ornamental, ließ sich von den äußeren, nur in den all— 
zemeinsten Zügen erkannten Umrissen der Dinge einnehmen 
und treiben. So fehlte jeder Sinn für Massenerscheinungen, 
der immer ein Beherrschen von Einzelheiten voraussetzt; die 
unglaublichsten Dinge fabelte man über die Größe von Heeren, 
die Menge gefallener Krieger, die Ausdehnung von Seuchen, 
die verheerende Kraft größerer Brände. Für die gewöhnlichsten 
Vorstellungen auf diesem Gebiete, namentlich Zahlenvorstellungen, 
entwickelten sich geradezu typische Lösungen, die immer und 
immer wieder als fuür Einzelfälle zutreffend gebraucht werden. 
Namentlich spielen hier einfache Teile und Mehrfache des
	        
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