Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

190 Sechstes Buch. Zweites KRapitel. 
Großen Hunderts eine Rolle; zumeist ist in den Quellen des 
9. und 10. Jahrhunderts von Kriegsauszügen zu 30, 40, 60 
120 Tausend die Rede. 
Hilfsmittel, die für die Richtigstellung solcher typischer 
Anschauungen zeitgenössischer Verhältnisse noch hätten benützt 
werden können, fehlten vielfach für die Vergangenheit. Um so 
mehr verfiel man auf diesem Gebiete reinem Autoritätsglauben. 
Wie man im Rechtsgang noch die formellen Beweismittel der 
Gottesurteile zuließ, so galt dem geschichtlichen Sinne jede 
Überlieferung als unverrückbar heilig; und da die ungesichtete 
Tradition eine Fülle von Unwahrscheinlichkeiten enthielt, so 
mehrte sich zusehends die Lust am Fabulieren. Die apokryphen 
Evangelien gewinnen an Einfluß; bald stehen sie in kaum min— 
derem Ansehen als die kanonischen Schriften. Die Thaten des 
Aneas, der ganze Inhalt des Vergilischen Epos erscheint den 
zahlreichen Lesern der Ottonenzeit nicht als Sage, sondern als 
Geschichte; das fromme Heldenpathos des römischen Stamm— 
vaters entfernte sich ja nicht allzuweit von der Demut der 
biblischen Heiligen, und Wunder geschahen in heidnischer wie 
christlicher, in alter wie neuer Legende. 
So fand sich, auf der Grundlage rein typischer nationaler 
Verständniskraft, doch befruchtet von Christusglauben und 
klassischer Tradition, allmählich eine Neigung fürs Wunderbare, 
ein Heißhunger nach Abenteuern ein, denen die Nation noch 
Jahrhunderte lang schlimme wie gute Stunden verdankt hat!. 
Noch geringer als der Sinn für das AÄußere des Ge— 
schehens war das Verständnis für das innere Gewebe fremder 
Charaktere entwickelt?. Hatten sich früher alle Vorstellungen der 
1 Die einfachsten Dinge sieht man als Wunder an: Hauck 21II 
S. 751f. Eb. 753 ff. über die allgemeine Wundersucht. Ansätze zur 
Kritik zeigen sich immerhin schon im 9. Jahrhundert: eb. S. 744, im 11.: 
Ellinger S. 100. Unter den Quellen ist namentlich Thietmar als wunder⸗ 
süchtig bekannt. 
2 Kühne S. 55 macht darauf aufmerksam, daß man in dieser Zeit 
alle Handlungen als „Triebhandlungen“ (im Sinne Wundts) auffaßt, d. h. 
sie auf ein Motiv zurückführt. — Der Text wird durch Thangmars 
Vita Bernwardi besonders bestätigt: vgl. Hauck III 936f. S. auch 
Kleinpaul S. 9f.
	        
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