Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 193 
sonderen Blumen dar, sondern begnügt sich mit der Wiedergabe 
der typischen Einzelheiten jeder Pflanze, des Keims und des 
Blattes, der Blüte und des Schaftes. 
Der Fortschritt gegenüber der Tierornamentik vollzieht sich 
also noch auf der gemeinsamen Grundlage der typischen Wieder—⸗ 
gabe der Außenwelt: diese ist dem ganzen Zeitalter der Stammes⸗ 
kultur gemeinsam. Neu ist nur die Anwendung auf die nicht 
aktuelle, scheinbar nicht belebte Seite der Außenwelt, auf das 
Pflanzliche. Hatte die ästhetische Anschauung im 6. bis 8. Jahr⸗ 
hundert nur das lebendig Bewegte ergriffen, in den folgenden 
Jahrhunderten ging sie mehr zu sinniger Betrachtung auch des 
Ruhenden über. 
Die Wandlung ward wohl teilweise durch die Rezeption 
des Christentums und die Karlingische Renaissance vermittelt. 
Jetzt ward den Deutschen das Geheimnis der Schrift erschlossen; 
ein neues Feld wichtigen Kunstbetriebes ergab sich in der wür— 
digen Ausstattung der Bücher des christlichen Kultus. Zwar 
zogen auch hier anfangs die ungeschlachten Gestalten der Tier⸗ 
ornamentik ein; die Anfangsbuchstaben, recht eigentlich der 
Standort jeder ornamentalen Buchausstattung, wurden zu ver⸗ 
renkten Tierleibern gestaltet. Aber das Ungeschickte der An— 
wendung mußte doch bald auffallen. Schrift und Inhalt der 
heiligen Bücher mahnten zur Ruhe; so leicht sich germanische 
Einbildungskraft sogar die Buchstaben belebt vorstellte!, so sehen 
wir doch schon gegen Ende des 7. Jahrhunderts, wie sich den 
Initialen hier und da Knospen und Blätter ansetzen: damit 
bermittelte die Buchornamentik anscheinend zuerst den Übergang 
zur neuen Kunst des 9. bis 11. Jahrhunderts. 
Auch in ihrer herrlichsten Blütezeit, in der zweiten Hälfte 
des 10. Jahrhunderts, wie später blieb die Pflanzenornamentik 
im wesentlichen an die Buchausstattung gefesselt, wenngleich 
sie auch zur ornamentalen Ausstattung von Innenräumen und 
Bewändern, ja, in gewissen Übergängen zur plastischen Verzierung 
1Vom P heißt es in einer ags. Quelle: Der Kampfheld hat eine 
(ange Rute mit goldener Spitze, und stets schwingt er sie gegen den 
grimmen Feind: Gbert, Littgesch. 8, 98. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte II.
	        
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