Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 199
Epik des 8. bis 11. Jahrhunderts zugleich ein Zug fürs Sinnige,
Lyrische in unserer Nation entwickelt wird. Sehen wir davon
ab, daß sich bei Otfrid (um 870) die ersten lyrischen Em—
pfindungen in deutscher Sprache vorgetragen finden, — es sind
dielleicht nur resignierte Reflexionen der Klosterzelle: schon eine
gesetzgeberische Maßregel vom Jahre 789 hatte sich gegen die
Liebeslieder der Nonnen gewandt. Aber auch die Art, wie
Dichter des 10. Jahrhunderts die Pracht der aufgehenden
Sonne, die stillen Schauer der Morgenröte, die beseligende
Ruhe des Abends zu schildern wissen, wenn auch für uns er⸗
kenubar nur im fremden Gewand lateinischer Sprache, sie
deutet auf einen Umschlag, eine neue Wendung der nationalen
Stimmung. Doch hat sich der neue Sinn zunächst weniger
auf dichterischem Gebiete geoffenbart; mit aller Inbrunst, mit
schwärmerischer Innigkeit und schließlich weltflüchtiger Askese
umfaßte er vielmehr den bisher nur äußerlich begriffenen Geist
des Christentums und wirkte sich aus in einem ersten Zeitalter
deutscher Frömmigkeit.
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Die Kirche des ausgehenden Imperiums war den deutschen
Stämmen mehr gewesen als eine bloße Anstalt zur Befriedigung
religiöser Bedürfnisse: beim Verfall des Reiches war in sie alle
höhere geistige Thätigkeit, alles noch zukunftsfrohe Gefühl alter
Kultur geflüchtet: sie war Ersatz des untergehenden Staates.
Aber neben dem römischen Element der staatlichen Auffassung
barg sie in sich nach der Art ihres Entstehens zugleich ein
drientalisches Grundelement und die dauernden Errungenschaften
der spekulativen Begabung der Hellenen: sie war das einzige
Gefäß der weltgeschichtlichen Überlieferung überhaupt.
So sollte das deutsche Volk mit der Kirche nicht bloß das
Christentum aufnehmen in aller Inbrunst des Glaubens und
Demut der Erkenntnis: es sollte sich auch erfüllen mit den ge—
läutertsten Reliquien alles großen nationalen Denkens und
Schaffens, das in den Jahrtausenden vor den Zeiten seiner
weltgeschichtlichen Mission geblüht und Früchte getragen hatte.