Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 201
bei der Geburt Christi werden zu den Pferdehütern Altsachsens.
Dabei erscheinen die Menschen, die im Holjand auftreten, noch
völlig an die Macht der Sippe gebunden; denn nur an die
Sippe zunächst richtet Christus seine Predigt. Und wie später
Widukind, so ist auch der Dichter des Héljand der Askese ab—
geneigt: Welt und Wonne werden von ihm noch gerne zu—
sammengestellt. Diesen Zeugnissen christlichen Lebens begannen
seit Mitte des 9. Jahrhunderts auch andere Stämme zu ant—
worten: die Alamannen durch den Mund eines Geistlichen, des
Mönches Otfrid von Weißenburg, die Bayern durch jenen Laien,
der das Muspilli genannte Lied gedichtet hat, die Sachsen in
den rührenden Familienbekenntnissen des Agius, des Liudol—⸗
fingischen Mönches von Lammspringe, und in gewissem Sinne
auch in den Genesisfragmenten des Vatikans, deren Dichter
in nahen Beziehungen zum Verfasser des Héliand gestanden
haben muß.
Otfrid dichtete sein Evangelienbuch auf Veranlassung einer
ehrwürdigen Matrone und einiger Klosterbrüder, er widmete es
außer seinem König dem Erzbischof von Mainz, dem Bischof
von Konstanz und zwei würdigen Brüdern im Kloster des
hl. Gallus. So ist das Gedicht ein kirchliches, ja ein gelehrt—
kirchliches Gedicht didaktischen Zweckes, wenn freilich selbst hier
der biblische Text unbewußt mit deutschen Gedanken durchsetzt
erscheint. Trocken, wenn auch innigen Tones, mehr aus
frommem Gemüt wie dichterischer Intuition geboren, stellt es
den Inhalt der Evangelien in treuem Anschlusse an die vor—
geschriebenen Perikopen dar, — bis es in der teilweise frei er—
fundenen Darstellung der Wiederkunft Christi und des jüngsten
Gerichtes endet.
Der handgreifliche, auf einstige Abrechnung im Jenseits
gerichtete Zug eines schon spezifisch germanischen Glaubens
spricht aus diesen Teilen. Das wird klar, wenn man sieht, wie
das Muspilli genau eben dies Problem behandelt, jenes merk—
würdige Gedicht, das sich auf den leeren Seiten einer einst im
Besitze Ludwigs des Deutschen befindlichen Handschrift gefunden
hat. Es spricht vom Schicksal der Seele nach dem Tode.