Full text : Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

200 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Es war eine der stärksten Zumutungen an die jugendliche
Spannkraft des germanischen Geistes; Jahrhunderte hindurch
hat unser Volk von und in dieser Aufgabe gelebt; die Fieber—
schauer unserer mittelalterlichen politischen Geschichte, In—
vestiturstreit und teilweis sogar noch staufische Schicksale sind
vornehmlich durch die Schwierigkeiten veranlaßt, welche die
Aufnahme christlicher und weltgeschichtlicher Ideen der Volks—
seele verursachte.
Im 8. Jahrhundert war man freilich noch fern von einer
innerlichen Annahme des Christentums: schon der tolerante Sinn
der germanischen Bevölkerungen bis ins 10. Jahrhundert hinein
beweist das. Und noch viel später rauschten und raunten heilige
Bäume den Willen der alten Götter, umhallten prophetische
Stimmen und Opfergemurmel die Steinbauten väterlicher Opfer—
stätten, wurden germanische Zaubersprüche gesungen über Feld
und Vieh, über Webstuhl und Spinnrocken, über Tagesnahrung
und heilkräftige Wurzeln.
Doch beginnen schon seit Karls des Großen Zeit leise
Spuren einer innerlicheren Aufnahme des Christentums
wenigstens bei entgegenkommend gestimmten Seelen. Zugleich
erweitert sich stetig das Netz der Pfarreien: überall tritt christ—
liche Seelsorge dem Volke entgegen. Schon die Thatsache,
daß die christliche Übersetzungslitteratur für Laien sich seit dieser
Zeit rasch mehrt, ist ein Zeichen für ihre ernste Arbeit. So
wird schon um die Wende des 8. und 9. Jahrhunderts neben
Taufgelöbnis, Symbolum und Vaterunser vornehmlich das
Evangelium Matthäi und die Tatianische Evangelienharmonie
ins Deutsche übertragen, und wohl gleichzeitig beginnt auch die
Übersetzungslitteratur der Predigt. Darauf folgt, ebenfalls
ganz ein Erzeugnis missionierender Bestrebungen, der Höljand
etwa vom Jahr 830, ein Versuch, das Leben Christi in freier
Anlehnung an vorhandene Bearbeitungen und Erklärungen der
Evangelien in nationalem Ton zu erzählen: Christus wird zum
reichsten aller ringspendenden Könige, denn er begabt mit den
Freuden ewigen Lebens; die Jünger sind sein Gefolge, Petrus
sein besonders bevorzugter Schwertdegen; selbst die Schafhirten
            
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