Full text : Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Sechstes Buch. Zweites Kapitel.

Nachdem die Seele den Leib verlassen hat, streiten sich um sie
die Herrscharen des Sternenhimmels und die Gewaltigen des
höllischen Pfuhles: und bang harrt die Seele des Ausgangs.
Da naht das jüngste Gericht, eingeleitet durch einen Kampf
des Propheten Elias mit dem Entchrist. Das Blut des ver—⸗
wundeten Propheten trauft zur Erde: da entsteht der Welt—
brand: Feuer ergreift Erde und Himmel und Meer; der Mond
fällt herab: der Straftag fährt übers Land, die Menschen
heimzusuchen: — selbst die Bande der Sippe werden dann
zerrissen: — und die Seele harret des Urteils. Des Himmels
Drommete ertönt; der Weltrichter schreitet zur Walstatt; die
Engel ziehen über die Lande, die Toten zu wecken. Da muß
erscheinen jeder der Menschen: „da soll die Hand sprechen, das
Haupt sagen, aller Glieder jegliches bis zum kleinen Finger,
was es Böses that unter den Menschen“ .....
Zwei Jahrzehnte etwa nach der Niederschrift des Muspilli,
im Jahre 864, lag der Sachsenfürst Liudolf im Sterben. In
seinen letzten Phantasieen ringt auch er mit der Vorstellung
des jüngsten Gerichtes. Schon glaubt er hinabzustürzen in die
Tiefe des Abgrundes, da erfaßt er mit beiden Händen einen
Zweig und wird gerettet; einem Vernichtung kündendem Rufe
antwortet er, seine Hoffnung stehe auf Gott. Da sieht er einen
himmelstrebenden Baum mit breitem Gezweige: es ist sein
zukünftig Geschlecht: herrlich wird es blühen vor aller Welt,
Gott wohlgefällig, das Haus der kaiserlichen Ottonen.
Sehr massiv mischt sich in diesem Erguß einer hoch—
gemuten germanischen Seele um die Mitte des 9. Jahrhunderts
noch Geistliches und Weltliches; nur das konkreteste Erfassen
des neuen Glaubens erklärt den Zusammenhang dieser religiös—
dynastischen Vision.
Wie anders allgemein, wenn auch noch durchaus sinnlich,
stellen sich dürstende Seelen schon des 10. Jahrhunderts die
Seligkeiten vor, die Gott uns im Himmel verheißen hat! Da
gibt es nicht die Last schleichenden Greisenalters, nicht Krank—
heit noch Schmerz; schön wie der Herr Christ in seiner Jahre
            
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