Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 205
heilige Urharmonie erblickt, darin alles Seiende sich gründet,
durchlebt und auflöst.
Verhängnisvoll mußte eine solche Geistesrichtung nament—
lich für die von der Kirche teilweise noch nicht näher definierten
Vorstellungen vom Himmel und seinen Freuden, von der Hölle
und vom Fegefeuer sein, um so mehr, als der germanische Geist
sich, wie wir gesehen haben, gerade diesen Dingen am meisten
zuwandte, und als die Kirche durch die Ausbildung der Inter⸗
zessionen und Suffragien für die Verstorbenen seit Gregor dem
Großen den Ort der Qual und der jenseitigen Freude un—
mittelbar mit der greifbaren Welt der Erscheinungen verknüpft
hatte. Nichts gab es hier zwischen Himmel und Erde, das
die Phantasie nicht zum erhebendsten wie quälendsten Schauer
erregen konnte. Und während die früheren Generationen sich
mehr mit den milderen Bildern von Himmel und Hölle be—
schäftigten, traten schließlich Fegfeuer und Weltende in den
Mittelpunkt aller Vorstellung.
Das Fegfeuer galt bald als Hölle der unter Milderung
des Urteils Verdammten, bald als Purgatorium; an beide Auf—⸗
fassungen knüpfte sich wildwuchernd eine Reihe phantastischer
Bilder, deren reife Ernte Dante anheimfiel. Die Vorstellungen
über das Weltende aber verdichteten sich allmählich, unter Ver—
werfung der etwas nebelhaften Phantasieen der Apokalypse, zu
einer wohlgeordneten Reihe plastisch gedachter Vorgänge, in
denen namentlich das Auftreten des Entchrists eine Rolle spielte.
Er wird erscheinen, wann der Frankenkönige letzter, der zugleich
römischer Kaiser sein wird, nach Bekehrung aller Juden frei—
willig seiner Herrschaft entsagen wird. Das wird der herrlichste
sein von allen Kaisern, er wird allen Götzendienst abthun, er
wird alles Volk unter Christi Namen sammeln, er wird gen
Jerusalem wallend und sterbend sein Reich Gotte und Gottes
Sohne auftragen. Dann fährt der Entchrist daher von Babylon,
Sohn des grausamsten Lüstlings und der gemeinsten Dirne,
Ausgeburt des Teufels durch Vermittlung der Sünde, ein
Nachäffer Christi und Verführer der Menschen. Aber sein
Reich ist kurz; der Erzengel Michagel wird ihn töten und