206 Sechstes Buch. Zweites Rapitel.
Christus ihn in den Staub strecken. Und dann beginnt das
Gericht.
Neben diesen dogmatischen Phantasieen wuchert üppig der
Heiligenglaube. Schon ist eine volle Hierarchie von Heiligen
begründet, und schon beginnt sich über sie alle Maria zu er—
heben, die virgo ante partum, virgo in partu, virgo post
partum, der Stern des Meeres, die Königin der Engel. Von
Sedulius und Fortunat besungen, von Radbertus und Rad⸗—
tramnus bis nahe zur Vorstellung der unbefleckten Empfängnis
ihrer Mutter Anna dogmatisch verehrt, fand sie im heiligen
Ulrich von Augsburg, dem Patriarchen der Ottonischen Bischöfe,
einen glühenden Verehrer: überallhin drang ihr Kult; schon
die Miniaturhandschriften der zweiten Hälfte des 10. Jahr—
hunderts kennen den Bildercyklus des Marienlebens.
Indem aber die Heiligen mit ihrem Glanze die höheren
Personen der Bibel für die Blicke der Laien fast zu verdrängen
beginnen, wuchert üppig der Reliquiendienst empor mit all seinen
Wundern: die neutestamentlichen Zeiten scheinen wieder herbei—
gekommen: alle Welt ist übernatürlicher Kräfte voll; es giebt
nichts Unwahrscheinliches mehr; und der altgermanische Fata—
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wärtige Hilfe des Herrn und seiner Heiligen.
Und wie der altgermanische Fatalismus den sengenden
Kriegeseifer unserer urzeitlichen Ahnen erzeugt hatte und nährte,
so gab der neue, christliche Fatalismus“ den Deutschen des
10. Jahrhunderts das Gepräge furchtbarer Gottesstreiter. In
stetem Kampfe lagen sie mit dem Unhold der Hölle; besiegen
aber ließ er sich in seiner Wirkung böser Lüste nur durch eine
immer grimmiger betriebene Askese?.
1 Judas sagt zu Christus beim Abendmahl: Thiu uurd is at
handun, thea tidi sind nu ginahid. Héôl. 4619 f. bei Hauck 2II (1900)
S. 778 A. 5.
⸗ Es mag ausdrücklich betont sein, daß diese Askese nicht ohne
weiteres eine „neue Erscheinungsform“ der alten orientalischen Askese ist.
Das war schon die spätrömische Askese nicht, da sie aus durchaus anderen
Motiven hervorging wie die orientalische.