Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 207
Anfangs hatte man sich im Kampfe gegen den Vater der
Lüge wohl mit der genauen Befolgung der kirchlichen Sitten—
vorschriften begnügt, wie sie Bischof und Priester in ihren
äußeren Formen aufs strengste einschärften, ohne Verständnis
für das Wort Christi, daß er gekommen sei, das Gesetz zu
erfüllen. Aber bald ging man darüber hinaus. In der Fasten—
zeit waren besondere Bußübungen althergebracht, der Gottes—
dienst wurde durch Tag und Nacht nicht ausgesetzt, Beten,
Psalmgesang und Messehören in buntem Wechsel schufen eine
nervöse Spannung, die als besonders verdienstlich galt. Bald
machten fromme Laien zur Regel, was die Kirche als Aus—
nahme gebot; sie nahmen sich in körperliche Pein durch
Weigerung des Schlafes, durch Versagung aller geschlechtlichen
Anwandlungen, durch Vernachlässigung der Körperpflege, durch
schmerzende Kleidung in grobes Haartuch, durch Fasten, durch
ununterbrochene Ubung des Gebets und des Bußsangs, wohl
gar durch das Gelübde des Schweigens und der äußeren Demut
und Versuche, sich dem Gekreuzigten ähnlich zu machen.
Dabei zogen sich einzelne Fromme so völlig auf sich und
ihre Übungen zurück, daß sie sich nicht mehr sicher darüber
fühlten, ob nicht die Dinge dieser Welt überhaupt nur Vor—
spiegelungen, Eingebungen des Teufels seien. Das Ende war
dann Skepsis und Verzweiflung, falls Gott der dürstenden
Seele nicht drastisch einen Ausweg aus dem Wirrnis schuf!.
Andrerseits brachten einzelne hochbegabte Asketen es wohl
zu wahrhafter geistiger Versenkung, zur Meditation über die
Leiden Christi, über die Schönheit Mariens, über die Vorzüge
eines gottgeweihten Lebens. Doch spielte diese Meditation in
den meisten Fällen mit bloßen Antithesen: Christus, der Lenker
der Welt, in Windeln gewickelt; der Sternthronende in der
Krippe; sein Antlitz, das Cherubim nicht zu schauen wagen,
—V—
— und ferne war sie jedenfalls noch von der weltabgeschiedenen
Kontemplation der späteren Mystik.
1 So zeigte Gott der heiligen Liutbirg an jeder teuflischen Figur
in postérioribus einen schwarzen Flecken; Vita Liutb. ec. 29.