Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Kirche und Reich in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. 315 
er ihr als Greis an, und in den Jahren des Reichsregimentes 
besaß er schon nichts mehr von dem gewinnenden Weltsinn und 
der holden Verschwendungssucht des Bremers. 
Der königliche Knabe Heinrich, der Einwirkung so grund— 
verschiedener Charaktere ausgesetzt, einspännig, ja störrig gemacht 
durch tausend wechselnde Erziehungsversuche der frühesten Kind— 
heit, war nicht in der Lage, die guten Eigenschaften Annos 
unter der strengen Außenseite zu erkennen. Seine ganze Seele 
flog Adalbert zu; zu ihm zogen ihn alle eingeborenen Eigen— 
schaften seines Wesens. So trat der finstere Anno in seinem 
Finfluß zurück, und als Heinrich am Dienstag der Osterwoche 
des Jahres 1005 in Worms mit dem Schwerte gegürtet ward 
und selbständig herantreten sollte an die Regierung des Reiches, 
da war es klar, daß diese Regierung zunächst eine Herrschaft 
des Erzbischofs Adalbert in noch ganz anderem Sinne sein 
werde als bisher. 
Es war das erste schwere Verhängnis König Heinrichs, das 
er seine persönliche Regierung nicht unter vollster Abschüttlung 
seiner bisherigen Ratgeber antrat, wie einst Otto III. Die 
Folge war, daß er, obgleich mündig, noch immer als unter 
Vormundschaft stehend betrachtet ward, daß sich viele Schwierig— 
keiten einer Regentschaftsregierung auf seine selbständigen Jahre 
oererbten. 
Es schien fast der Sitte zu entsprechen, daß Heinrich, nun 
Herr im Lande, auszog gen Italien zum Erwerb der Kaiser—⸗ 
krone. In der That ward im April 1065 zu Mainz von den 
bersammelten Fürsten eine Romfahrt beschlossen. Auch Adalbert 
war dem Gedanken anfangs hold. Als er aber erfuhr, daß 
auch Anno und Gottfried von Tuscien im Gefolge des Königs 
nach Süden fahren wollten, da fürchtete er für seinen Einfluß: 
die Reise ward aufgeschoben, schließlich unterblieb sie. Es war 
ein nie wieder gutzumachender Fehler. 
Noch viel schlimmer verlief, wenn auch in ihren schließ— 
lichen Folgen heilsam, eine zweite Maßregel des jungen Königs. 
Adalbert war bei seiner verschwenderischen Hofhaltung längst 
tief verschuldet. Jetzt, wo er über den Willen des Königs
	        
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