Die Karlingische Renaissance.
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unglücklichsten Verkürzungen, die vor keinem Wagnis scenischer
Anordnung zurückschrecken; mit Recht konnte ein Ästhetiker
des 13. Jahrhunderts, vielleicht eben im Gedenken an Karlingische
Kunst, behaupten:
pictoribus atque poetis
quaelibet audendi semper fuit aequa potestas!
Weisen diese Eigenschaften der germanischen Kunst des
H. Jahrhunderts, soweit sie unter dem Einfluß der Karlingischen
Renaissance steht, darauf hin, wie unendlich weit die ästhetische
Auffassung der germanischen Stämme noch von einem waähren
Verständnis der klassischen Kunst entfernt war, so ergiebt sich
doch andrerseits schon überall, auch in den besten Leistungen
des westfränkischen, romanischen Bodens dieser Zeit, eine
tiefe germanische Einwirkung: auch gegenüber dem über—
wältigenden Aufleben des antiken Vorbildes verzweifelt
die germanische Kunstanschauung nicht, ja weiß sich teilweis
zurchzusetzen. Das Schönheitsideal des menschlichen Hauptes
wird germanisch; schon in den Evangelisten wie im segnenden
Christus des Gottschalkevangeliars aus den ersten Jahren Karls
des Großen ist an Stelle des runden Römerkopfs ein zartes
Gesichtsoval getreten mit langer Nase, mit kleinem, von starker
Unterlippe getragenen Mund, mit großen, von schweren Brauen
überschatteten Kinderaugen: ein germanischer Typus?. Gleich—
zeitig beginnen alle Figuren das Streben nach energischer Be—
tonung des inneren Lebens zu zeigen?: nicht das Formschöne,
sondern das Bedeutende erscheint als Wesentliches der Dar—
stellung; man gestikuliert mit viel zu großen Händen gewaltsam
in äußerst geschickt nuancierten Bewegungen, und stets sind alle
Dargestellten in die klarste und straffste Beziehung zum ent—
scheidenden Moment der Scene gesetzt.
Das alles sind germanische Beiträge zu dem reichbewegten
Bild der Karlingischen Malerei, und unter ihrem Einfluß be⸗
Durandus Rationale ed. Antverp. 1614 fol. 14b.
3 Daß es sich dabei um den germanischen Typus handelt, zeigen
Bastard Taf. 116—117, vgl. auch Taf. 196.
s Darüber handeln eingehend Leitschuh S. 885-394, besonders aber
Tikkanen 244-268, 808 f. und Leitschuh bei den Abendmahlsaposteln 164 ff.
Weitere Beispiele eb. 183. 188. 192 ff. 202.