Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Fünftes Buch. Zweites Kapitel 
ginnt diese selbst sich auch in der Technik teilweis zu ändern. 
Schon fällt hier und da die schwierige Farbengebung der Guache— 
malerei hinweg; bloße Konturen mit leichter Farbenlavierung 
geben sich als fertiges Ganzes, ja schon in bloßer Federzeichnung 
glaubt man gelegentlich ein abgeschlossenes Kunstwerk geschaffen 
zu haben. Es sind die Anfänge einer Richtung, der im 
Ringen von mehr als sechs Generationen die Federzeichnung 
der Stauferzeit entwachsen ist, der erste national-deutsche 
Stil, der sich über das bloß Ornamentale hinaushebt. 
Unterhalb der Bewegungen aber, welche die Karlingische 
Renaissance auf dem Gebiete der bildenden Künste veranlaßte, 
lebte noch ungebrochen in alter Frische die nationale Kunst der 
Ornamentik. Zwar hatte sie unter dem Einfluß der schottischen 
Missionare ihren Formenkanon erweitert: zu den alten Ver— 
schlingungen der Tierornamentik waren Einflüsse der ornamentalen 
— 
nach dem germanischen Ornament verwandt, rasch verarbeitet. 
Auch die Fortschritte der metallurgischen Kuünste hatten eine 
Wandlung hervorgebracht, die den alten Formenschatz nur 
mehrte, ohne ihn zu sprengen; die Spirale war als beliebtes 
Slement neben Band, Tierkopf und stilisierten Punkt getreten. 
In dieser Bereicherung ward die germanische Ornamentik 
vom Hauche der Karlingischen Renaissance getroffen. Das erste 
Ergebnis war ein fast erschreckender Reichtum der Motive; 
zu dem germanischen und irischen Zierschatz trat auch noch der 
klassische mit seinen Eierstäben und Akanthusblättern, mit seinen 
Mäandern und Flachmustern, mit jenen zierlichen Lampen, 
Vögeln, Leuchtern, die in tausend Abwandlungen zur Füllung 
größerer ornamentaler Flächen dienten. 
Aber die frühkarlingische Zeit nahm es mit Erfolg auf 
sich, all diese Motive gleichzeitig zu bewältigen; nie hat eine 
Kunst in größerem ornamentalen Überfluß geschwelgt, ohne 
sich selbst zu verlieren. Später traten dann, bezeichnend genug, 
die klassischen Elemente wieder zurück: die nationale Ornamentik 
beherrschte von neuem das Feld. 
Aber nicht mehr in der alten Formlosigkeit ihrer Ver—
	        
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