Politische Wirkungen der veränderten gesellschaftlichen Schichtung. 88
sein Recht noch keineswegs schuf, um soziale Entwickelungen zu
ermöglichen oder zu beschleunigen, das vielmehr das Recht nur
als einen Ausdruck kannte des wirtschaftlich, sozial und sittlich
Gewordenen — mithin ohne die Kraft ausgesprochener Propa⸗—
ganda. Zudem aber gehörte es zu den Eigentümlichkeiten der
Standesbildungen des hohen Mittelalters, daß sie auf der
Grundlage besonderen, genossenschaftlich entwickelten Rechtes
erfolgten: und es begreift sich, daß sich gegenüber den innig
oerflochtenen Bildungen gerade der Standesrechte die Rezeption
jedes allgemeinen Rechtes machtlos erweisen mußte. Damit fiel
aber auch die letzte unitarische Beeinflussung der sozialen Ent—
wickelung und der gesellschaftlichen Kämpfe hinweg: frei aus
den innersten Tiefen seiner sozialen Gegensätze heraus entfaltete
sich das Leben der Nation.
Doch eine besondere Fügung wollte es, daß in diesem Zeit⸗
alter vollster sozialer Schwäche der Königsgewalt gerade die
autonome Entwickelung selbst zur wahren, nie wieder lösbaren
Einheit der Nation führte.
Die deutsche Gesellschaftsentwickelung war seit den Zeiten
der Merowingen wesentlich durch den Unterschied des Grund—
besitzes bestimmt gewesen; so hatten sich Großgrundherren und
Grundholde als die charakteristischen Gesellschaftsklassen des
3. bis 11. Jahrhunderts gebildet. Es hatte sich damit ein zu—
nächst privatrechtliches Moment, das bloße Eigentum am Grund
und Boden, als sozial wirksamster Faktor erwiesen.
All das änderte sich seit den späteren Tagen der Salier und
im Zeitalter der Staufer. An Stelle des Grundeigens ward
die Verschiedenartigkeit des Berufes zum eigentlich standes—
hildenden Fermente: an die Stelle von Grundholden und Grund—
herren traten Ritter und Bauern, und ihnen zur Seite ent—
wickelte sich das Bürgertum als Vertretung neuer geldwirtschaft⸗
icher Interessen.
Wie aber konnte diese neue Berufs- und Arbeitsteilung
der Nation bestehen ohne gleichzeitige Arbeitsvereinigung? Die
verschiedenen Berufe waren nunmehr nur Teile eines Ganzen;
ein immer regerer Verkehr vermittelte zwischen Stadt und Land