Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

254 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
schreiben hatte großes Aufsehen gemacht; von allen Seiten her 
strömten Theologen und Gelehrte herzu; Herzog Georg von 
Sachsen, der kluge und wissenschaftlich eifrig interessierte 
Landesfürst Leipzigs, hatte einen Saal seines Schlosses Pleißen⸗ 
burg für sie zur Verfügung gestellt und war persönlich an— 
wesend. Am 27. Juni begann der Akt nach feierlicher Messe 
und zierlicher Begrüßung durch den Leipziger Professor Petrus 
Mosellanus. Die ersten Tage waren durch Karlstadt und Eck 
in Anspruch genommen; ihre Erörterungen verliefen ins End— 
lose, das Interesse begann zu ermatten; die Professoren nickten 
ein, die Studenten schliefen. Da, am 4. Juli, trat Luther 
auf, der abgehärmte Mönch mit seinem kargen Körper, seinen 
Leidenschaft blitzenden Augen. Die Disputation sprang nach 
einigen Bemerkungen sofort auf den Primat des Papstes über. 
Luther konnte hier nicht anders, als seine von der kirchlichen 
Meinung abweichenden Ansichten aufstellen: es war ein taktischer 
Sieg Ecks. Aber noch mehr. Am 5. Juli warf Eck Luther 
vor, seine Ansicht, daß der Primat nicht heilsnotwendig sei, 
sei husitisch und schon vom Konstanzer Universalkonzil verurteilt 
worden. Klar war, wo Eck hinaus wollte: Luther hatte die 
Autorität der allgemeinen Konzilien, soweit solche im Verlaufe 
der kirchlichen Geschichte getagt hatten, noch nicht verworfen: 
dazu sollte er gedrängt werden. Die Absicht ward erreicht. Luther 
behauptete, unter den Artikeln Husens seien manche echt christlich 
und grundevangelisch — eine Bemerkung, die ihm einen Fluch 
Herzog Georgs eintrug — und er sprach es schließlich, wenn auch 
noch nicht ohne Schwankungen, aus, daß selbst Konzilien geirrt 
haben könnten, nur das geoffenbarte Gotteswort sei unfehlbar. 
Es war der Höhepunkt und fast auch der Schluß der Dis— 
putation. Eck hatte erreicht, was er wollte: offenbar war die 
Ketzerei des Mönchs; er war abgedrängt von den Grundlagen 
der alten Kirche. Aber ein anderes übersah der kluge Eck. 
Luther war, gegen seinen Willen fast, zugleich zugedrängt der 
Basis einer neuen Kirche. Frei war jetzt die Bahn: nun galt 
es für Luther, die inneren Erlebnisse früherer Zeiten fruchtbar 
zu machen für die Nation, nun galt es, eine neue Gemein—
	        
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