Geistige Kultur der Stauferzeit.
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kein Wunder daher, wenn die Tradition dieser Kenntnisse auch
äußerlich dichterisch charakterisiert war, ja gelegentlich sogar
direkt in poetischer Form erfolgte. Eine Ausnahmestellung
gegenüber dieser Methode wissenschaftlichen Denkens nahm nur
die Theologie ein. Sie vermochte nicht im Sinne kasuistischer
Verallgemeinerung an Einzelerfahrungen anzuknüpfen, sie war
auf die bloße logische Deduktion verwiesen. So ward sie, und
mit ihr das philosophische Denken des Mittelalters, zu einem
Spiel des Verstandes.
Wie aber mußte das Leben einer Zeit, die selbst in der
intellektuellen Bethätigung sich noch poetischer Vermittelung be—
diente, vom süßen Hauche der Dichtung durchweht sein! In
der That bewegte sich das Laienwissen wie die Laienempfindung
der Nation noch im 12. und 18. Jahrhundert auf fast durchweg
dichterischer Grundlage. Sogar die neuen Formeln der Unter⸗
ordnung des Einzellebens unter die genossenschaftlichen Verhält⸗
nisse der emporblühenden sozialen Berufsbildung fand man noch
auf dichterischem Wege: eine weitverzweigte Didaktik erblühte
poin Winsbeke und von Thomasin von Zircläre bis auf Freidank und
bis zur volkstümlichen Gnomik des späteren 18. Jahrhunderts und
meisterte mit ihren Sinnsprüchen das gesellschaftliche Leben so
sicher, wie einst der Formalzwang juriftischer Formeln das Leben
der urzeitlichen Gesellschaft beherrscht hatte.
Die Dichtung selbst aber ward der Zeit gleichsam zur
Wahrheit. Jedermann glaubte an die Wirklichkeit der Helden
der Tafelrunde, an die Geschichtlichkeit der Abenteuer des Aneas
und die Möglichkeit der Verwandlungen Ovids; jeder Zweifel
wäre als gesellschaftliches Verbrechen betrachtet worden. Ja die
Phantastik dieser Sagen genügte dem nach Wundern lechzenden
Sinne der Zeit noch nicht; es ward Sitte, sich dem Les epublikum
gegenüber auf erdichtete OQuellen zu berufen, um seinem Wahr—
heitssinn und seinem poetischen Hange zugleich genug zu thun;
umd keine Stoffe fanden lauteren Anklang als solche, die die
heillosesten Phantastereien mit den konkretesten und sichersten
Vorstellungen, die wunderbarsten Züge mit dem wohlbekannten