Geistige Kultur der Stauferzeit.
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nicht stehen. Auch andere Teile des Gottesdienstes ergriff sie,
und in freier Anlehnung an einen solchen dichtete Ezzo von
Bamberg seinen freudigen Gesang von den Wundern Gottes,
eine Festkantate zur Feier einer kirchlichen Reform, die später
dem Bischof Gunther von Bamberg auf der Fahrt ins heilige
Land (im Jahre 1065) Mut und Trost verkünden sollte!.
Ging man aber in freierer Weise über die Anforderungen
hinaus, die der Gottesdienst an die dichterische Phantasie stellen
konnte, so mußte man sofort ins Epische einlenken: hier vor
allem begegnete man dem Interesse der Nation. Dieser Schritt
geschah anscheinend zuerst in sterreich; hier wurden Genesis und
Erodus, Altes und Neues Testament einer episch getragenen,
motivenreichen und zuständlich verweilenden Umformung in
deutsche Verse unterzogen, und Frau Ava, eine Einsiedlerin
wohl der Zeit Kaiser Lothars, nahm die Dichtung über das
Jüngste Gericht wieder auf, einen Stoff, der deutsche Gemüter
bon jeher besonders anzog?. Lebensfrischer noch, mehr in An⸗
lehnung an den reichen Schatz christlicher Legenden, wurde ein
wenig später die geistliche Dichtung am Rheine eingeführt;
schon in ihrem ersten großen Wurfe, in dem Liede auf den
heiligen Anno, den im Jahre 1075 verstorbenen Erzbischof von
Köln, zeigte sie den Zug aufs lebendig Gegenwärtige, das
Streben nach unmittelbarer Teilnahme an den jüngst ver—
gangenen Schicksalen des Volkes. Doch entbehrt sie darum
keineswegs legendärer Züge: denn unendlich rasch, nach kaum einer
Generation, erschienen auch damals noch die großen geschicht⸗
lichen Gestalten den Augen der Nation vom ersten Fadenwerk
der Sage umwoben.
Auf dem Wege der Legendenpoesie näherte sich der Klerus
schon beträchtlich dem rein Volkstümlichen; es blieb nicht aus,
1 Ist aber die Cantilena de miraculis Obristi Ezzos wirklich
identisch mit dem uns überlieferten Leich? Vgl. zur Frage außer Wil⸗
manns und J. Meier neuerdings Mettin, Die Komposition des Ezzoleichs,
Hall. Diss. 1892, und F. Weidling, Germania 37, bd ff.
2 Bgl. Band BS. 196, und Deering, The anglosaxon poems on
the judgment day, Leipz. Diss. 1890.