Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

222 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
mit den Vaganten die Möglichkeit eines gewissen geistigen Auf⸗ 
schwungs; nicht selten mögen sie mit ihnen und der unteren 
Geistlichkeit gemeinsam am Ende fürstlicher Tische gesessen haben. 
So tauschten beide Klassen Schicksale und Kenntnisse aus; neben 
die alten Zauberformeln des Wundensegens traten Rezepte aus 
Galen, neben die Geheimnisse der Elben und Holzweibchen die mysti⸗ 
schen Kenntnisse des Physiologus, neben die Strophen von der 
Nibelunge Not die Sagen des Trojanerkriegs und der Eneite. 
Und gemeinsam erringt das schweifende Volk neue phantastische 
Anschauungen in Ost und West, in Süd und Nord; es liest 
hier und da französische und spanische Fabeln auf; es hört von 
indischen Märchen am Goldnen Horn und auf den Sarazenen⸗ 
gefilden Kleinasiens. 
Auf diese Art sammelte sich in dem Schatze der Spielmanns⸗ 
kenntnisse ein Stoff an, der den Fahrenden allmählich den Wett⸗ 
bewerb mit der Poesie des Klerus gestattete, um so mehr, als 
die ministerialischen Mitglieder des Standes mit dem Aufschwung 
der Dienstmannschaft seit Mitte des 12. Jahrhunderts überhaupt 
höher zu fühlen begannen, und als die Nation selbst nach welt—⸗ 
licheren Stoffen und laienhafterem Vortrag verlangte. Es be— 
durfte nur einer gewissen Veredelung der Formensprache, einer 
größeren und behaglicheren Ausführlichkeit der Schilderung 
gegenüber dem alten Sagelied, einer glänzenderen Mischung na⸗ 
tionaler und kraus gelehrter Materien: und die Fahrenden 
überholten die dichterische Thätigkeit des Klerus. 
Etwa nach der Mitte des 12. Jahrhunderts trat diese 
Wendung ein. Bezeichnet wird sie in der Überlieferung zunächst 
durch das Gedicht vom König Rother, das von einem Mittel— 
franken, vielleicht in Baiern verfaßt ist, sowie durch das rhei⸗ 
nische Lied vom Herzog Ernst, jenem treu-untreuen Herzoge, 
in dessen Charakter die geschichtlichen Gestalten Liudolfs, des 
aufrührerischen Sohnes Ottos des Ersten, und Herzog Ernsts II. 
von Schwaben, der sich gegen Kaiser Konrad II. empörte, zu⸗ 
sammentreffen?. Ihren Höhepunkt findet die Richtung in den 
Bgl. Wolframs Parzival J, 976. 
S. Band II S. 251.
	        
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