Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
aus Eignem heißt es auch hier schöpfen, wie bei der epischen 
Bearbeitung biblischer Stoffe auf dem Felde der Dichtung. 
Und schon bot sich auch eine neue Grundlage in dem lang 
sam gezeitigten Fortschritte der deutschen ästhetischen Anschauung. 
Hatte diese Anschauung sich noch bis tief ins 11. Jahrhundert 
hinein wesentlich im Ornamentalen bewegt und zugleich er— 
schöpft, so waren doch schon seit dem 9. Jahrhundert immer 
und immer wieder Versuche in der künstlerisch-konventionellen 
Meisterung zunächst des Figürlichen, der Menschengestalt, unter— 
nommen worden. Plump genug fielen sie anfangs aus!, noch 
im 10. Jahrhundert hat sich für sie kein Stilgefühl ausgebildet, 
obwohl sie stets in der leichtesten aller Techniken, in bloßer 
Federzeichnung, unternommen wurden. 
Da tritt, mit der Wende etwa des 11. und 12. Jahr⸗ 
hunderts, eine Anderung ein. Aus den zerstreuten Ansätzen 
erwächst ein wirklicher Stil skizzenhafter Darstellung, der in 
naivem frischem Sinne gewisse Vorstellungen wiederzugeben, be— 
stimmte Texte zu illustrieren sucht. Flott und bald kräftig, 
bald zart werden wenige Striche auf das Pergament geworfen; 
Feinheiten finden sich höchstens im Gesichtsausdruck, im übrigen 
muß die Phantasie nachhelfen. Dabei beherrscht allein das 
Interesse am Menschen diese Anfänge einer neuen Kunst, alles 
andere erscheint als vernachlässigtes Beiwerk, sowohl die Ar— 
chitektur und die Landschaft, wie jede sonstige Staffage; von 
Perspektive ist noch keine Rede; Tiere und Pflanzenwelt werden 
mehr oder minder ornamental gegeben; und fast niemals stehen 
die Menschen in richtiger Proportion zur Umgebung. Es ist 
die Kunst einer Anzahl von Federzeichnungen, die namentlich in 
Süddeutschland und am Rheine entstanden sind. 
Eine Generation später ist dann Technik und Kunst bereits 
weiter ins Volle, Cyklenmäßige entwickelt und erwachsen zu 
einer fast absoluten Sicherheit des stilistischen Gefühls ihrer 
Bgl. z. B. das wohl fränkischen Händen entstammende Evangeliar 
von Chartres der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, Bastard 115— 118: 
die Köpfe fast noch stets in Vorderansicht mit Nasen im Profil.
	        
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