220
Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
aus Eignem heißt es auch hier schöpfen, wie bei der epischen
Bearbeitung biblischer Stoffe auf dem Felde der Dichtung.
Und schon bot sich auch eine neue Grundlage in dem lang
sam gezeitigten Fortschritte der deutschen ästhetischen Anschauung.
Hatte diese Anschauung sich noch bis tief ins 11. Jahrhundert
hinein wesentlich im Ornamentalen bewegt und zugleich er—
schöpft, so waren doch schon seit dem 9. Jahrhundert immer
und immer wieder Versuche in der künstlerisch-konventionellen
Meisterung zunächst des Figürlichen, der Menschengestalt, unter—
nommen worden. Plump genug fielen sie anfangs aus!, noch
im 10. Jahrhundert hat sich für sie kein Stilgefühl ausgebildet,
obwohl sie stets in der leichtesten aller Techniken, in bloßer
Federzeichnung, unternommen wurden.
Da tritt, mit der Wende etwa des 11. und 12. Jahr⸗
hunderts, eine Anderung ein. Aus den zerstreuten Ansätzen
erwächst ein wirklicher Stil skizzenhafter Darstellung, der in
naivem frischem Sinne gewisse Vorstellungen wiederzugeben, be—
stimmte Texte zu illustrieren sucht. Flott und bald kräftig,
bald zart werden wenige Striche auf das Pergament geworfen;
Feinheiten finden sich höchstens im Gesichtsausdruck, im übrigen
muß die Phantasie nachhelfen. Dabei beherrscht allein das
Interesse am Menschen diese Anfänge einer neuen Kunst, alles
andere erscheint als vernachlässigtes Beiwerk, sowohl die Ar—
chitektur und die Landschaft, wie jede sonstige Staffage; von
Perspektive ist noch keine Rede; Tiere und Pflanzenwelt werden
mehr oder minder ornamental gegeben; und fast niemals stehen
die Menschen in richtiger Proportion zur Umgebung. Es ist
die Kunst einer Anzahl von Federzeichnungen, die namentlich in
Süddeutschland und am Rheine entstanden sind.
Eine Generation später ist dann Technik und Kunst bereits
weiter ins Volle, Cyklenmäßige entwickelt und erwachsen zu
einer fast absoluten Sicherheit des stilistischen Gefühls ihrer
Bgl. z. B. das wohl fränkischen Händen entstammende Evangeliar
von Chartres der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, Bastard 115— 118:
die Köpfe fast noch stets in Vorderansicht mit Nasen im Profil.