Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

228 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
der Burggraf von Rietenburg, wohl einer der jüngeren Söhne 
des Regensburger Burggrafen, ist provenzalisch beeinflußt!. 
IV. 
Vergleicht man die unendliche Fülle von Herzensanliegen, 
denen die Blütezeit unserer staufischen Lyrik Ausdruck giebt, mit 
— 
des 12. Jahrhunderts, die fast ausschließlich Liebespoesie ist, so 
wird man von vornherein vor dem Irrtum bewahrt bleiben, die 
deutsche Lyrik dieser Zeit sich als inhaltlich von fremdem Vor— 
dild hergeleitet, ja auch nur durchweg abhängig zu denken. Eine 
ttoffliche Beziehung besteht, abgesehen von einer kurzen Periode 
ältester Vermittlung, nur insofern, als das konventionelle Liebes⸗ 
deal, wie es sich nun in Deutschland entwickelte und der Lyrik 
eine wesentliche Seite seines Daseins verlieh, in der Ausbildung 
seiner gesellschaftlichen Formen von Frankreich teilweis beeinflußt 
wurde. Im übrigen aber sind die Entlehnungen der deutschen 
Lyrik wesentlich auf die Form des Gedichtes sowohl wie des 
konventionellen Ausdruckes beschränkt. Und auch hier wirkt der 
fremde Einfluß eigentlich nur läuternd auf die einheimische Ent— 
wickelung, so wie etwa die klassische Kunst in der Karlingischen 
Zeit zur Klärung mancher Formen der deutschen Ornamentik 
geführt hat?: die Silbenzahl des Verses wird geregelt, die 
Reime werden reiner gesucht und öfter gehäuft und ineinander⸗ 
geschoben, die Strophen endlich dreiteilig gegliedert. Daneben 
mag noch die Einführung französischer Musikinstrumente nicht ohne 
Bedeutung auch für die Dichtung gewesen sein: denn Wort und 
Musik gehörten in der deutschen Lyrik noch untrennbar zusammen: 
gedoene ane wort, daz ist ein toter galm, sagt noch im 
13. Jahrhundert der Marners. 
Aber abgesehen auch von der primitiven Aufnahme einiger 
französischer Elemente steht der Burggraf von Rietenburg in 
1Vgl. Scherer, Deutsche Studien 2, 466 f.; Burdach, Reimar S. 52. 
S. Band II S. 77 ff. 
v. d. Hagen 83, 99b.
	        
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