Geistige Kultur der Stauferzeit. 229
noch viel tieferem Sinne an der Schwelle einer neuen Ent—
wickelung unserer Lyrik: er ist der erste unglückliche Liebhaber
der ritterlichen Gesellschaft: er wirbt vergebens um die höchste
Gunst seiner Frau, und er empfindet sein Leid im Unglück als
poetisches Motiv. Damit wird er zum Herold jener reflektierten
Minnepoesie, die von nun ab über mehr als zwei Generationen
hin im Mittelpunkte der lyrischen Dichtung steht.
Die bisherige Poesie war naiv gewesen; in epischer Form
oder in einfachster lyrischer Gestaltung hatten kleine, meist ein⸗
trophige Gedichte von Liebesglück und Liebesleid berichtet. Die
neue Poesie ist sentimental; sie beobachtet die Gefühle, sie be—
spiegelt sich selbst im Schmachten und Schmeicheln, sie kultiviert
den Schmerz und freut sich der Trauer, und sie strömt die ver⸗
lorenen Träume endloser Stunden und Tage aus im Ergusse
langflutender poetischer Gebilde. So schwinden die primitiven
Formen; daz liet, die einfache Strophe, genügt nicht mehr;
diu liet, das Gedicht, tritt auf, und es bewegt sich in den
geistreichen Konversationsformen der Antithese und des Para⸗
doxons. Die metaphorische Poesie ist verschwunden, eine rhe⸗
torische Lyrik tritt an die Stelle.
Fast gleichzeitig entwickelt sich diese neue Lyrik in ver—
schiedenen Gegenden Deutschlands, durch die einheimische Gesell⸗
schaftsbildung hervorgerufen, durch französischen Einfluß ge—
modelt; neben den bairischen Rietenburger stellt sich Heinrich
don Veldeken, der in der Nähe von Maastricht daheim war,
noch niederfränkisch derb, dazu ein wenig steif und kalt, sowie
der kühl zergliedernde Schweizer Rudolf von Fenis (7 vor 1196).
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rhein. Hier dichtet neben dem Pfälzer Ulrich von Gutenburg
vor allem Friedrich von Hausen, ein wahrer Poet, groß, lebendig
und trotz aller Reflexion anschaulich, bisweilen leidenschaftlich
und schroff, doch seine unglückliche Liebe mit der Resig—
nation des höfischen Mannes tragend. Friedrich von Hausen
stammte wohl aus Nassau, lebte aber in der Gegend von
Zum Folgenden vgl. Burdach, Reimar S. 33f.