Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistige Kultur der Stauferzeit. 
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früh ist er darum verschollen; nur im Dunkel der Sage lebte 
er als der Moringer fort. 
Im übrigen freilich zeichnet sich diese Periode der ritter— 
lichen Lyrik nicht durch starke Dichterindividualitäten aus; neben 
Heinrich von Morungen wäre höchstens noch der leidenschaftliche 
Hartwic von Rute zu nennen; die meisten Sänger dagegen bleiben 
auch als Personen wesentlich im Konventionellen stecken, ganz im 
Gegensatz zu dem kühnen, mit der Persönlichkeit prunkenden Zuge 
der Trobadors. Der soziale Hintergrund überwiegt eben noch 
durchaus die individuelle Bedeutung: der Dichter fühlt sich selbst 
noch nicht losgelöst von der Gesellschaft, er sieht sich sozusagen 
dentisch mit dem Publikum; er gilt darum auch noch keineswegs 
als besonders begnadet, oder gar etwa als Genie; erst seit 
Klopstock und dem Zeitalter der Originalgenies bildet sich die 
uns geläufige Auffassung. Originell ist der Dichter und 
bestrebt er sich zu sein, nicht so sehr im Inhalt seiner Empfin⸗ 
dungen, als im Äußern der Form; während die Franzosen 
dieselbe Strophenform oft wiederholen, sucht der deutsche Lyriker 
eine stätige Mannigfaltigkeit der Bildung gleich dem Kapitelle 
meißelnden Steinmetz; der gelegentlich einmal ausgesprochene 
Vorwurf, ein doenediep zu sein, gilt darum als schlimmste 
Beleidigung, während der Eigentumssinn für litterarische Stoffe 
noch völlig fehlt, und die Dichter verfügen zur Bezeichnung der 
Töne und Weisen über eine unendlich entwickelte Kunstsprache. 
Fs ist derselbe Zug, den wir auf dem Gebiete der bildenden 
Kunst wahrnehmen: der Sinn für den Umriß der Dinge ist 
entwickelt, aber es fehlt noch die Kraft, diese sich real, ihrem 
wahren Wesen nach anzueignen und ihren Besitz daraufhin als 
zeistiges Eigen zu empfinden. 
In dieser Richtung schritt als Lyriker fast allein Walther 
bon der Vogelweide weiter!. Walther ist um 1170 geboren, 
bdegann vermutlich Ende der achtziger Jahre des 12. Jahr— 
hunderts zu dichten, stand bis etwa 1198 unter dem Einfluß 
1 Eben deshalb ist er auch dem modernen Menschen am leichtesten 
verständlich.
	        
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