Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

256 Neuntes Buch. Viertes Kapitel. 
versuchte, war es vielleicht schon zu spät, jedenfalls starb der 
König vorzeitig: an diesem Verhängnis ist die frühmittelalter— 
liche Monarchie unsres Volkes zu Grunde gegangen. 
Und doch verrieten schon die ersten Ereignisse der Verfalls⸗ 
periode, um die Wende des 12. und 18. Jahrhunderts, deutlich 
den steigenden Einfluß des Bürgertums, ja dieses hatte durch 
die englischen Sympathieen der niederrheinischen Städte, wie 
ie die Politik Philipps von Heinsberg bestimmten, schon dem 
letzten Jahrzehnt der Regierung Friedrichs J. nach vielen Seiten 
hin seinen Charakter aufgedrückt, wie es auch in der nieder⸗ 
cheinischen Fürstenempörung unter Heinrich VIJ. wirksam ge⸗ 
vorden war. 
Nach Heinrichs VI. Tode sind es die englischen Sym— 
pathieen namentlich Kölns, die zu der unglücklichen Doppel— 
wahl des Jahres 1198 geführt haben. 
Heinrich VI. hatte neben seinem zweijährigen Sohne Fried⸗ 
rich, dem erwählten, aber noch nicht gekrönten deutschen Koͤnige, 
noch seinen vierten und fünften Bruder, den Pfalzgrafen Otto 
von Burgund und den Herzog Philipp von Schwaben, hinter⸗ 
lassen. In Anbetracht der Jugend Friedrichs stiegen in Deutsch— 
land Bedenken über seine Nachfolge auf; auch die staufische 
Familie und die Ministerialität des Reiches verschlossen sich ihnen 
nicht. Allein da bei einer Wahl Philipps oder Ottos die Ver—⸗ 
bindung Deutschlands mit Sizilien, dem unbestreitbaren Erb— 
reiche Friedrichs, gelöst und somit die bisherige Macht des 
staufischen Hauses geteilt worden wäre, so zögerte man mit ent—⸗ 
scheidenden Schritten. 
Das machten sich die niederrheinischen und teilweis auch 
die sächsischen Fürsten zu Nutze. Nach Aufstellung verschiedener 
Kandidaten, die schließlich versagten, wählten sie am 9. Juni 
1198 unter dem Einflusse der Kölner Bürger den Grafen Otto 
von Poitou, den jüngsten Sohn Heinrichs des Löwen, zum 
König; früh gebannt war er in den wilden Fehden der englisch⸗ 
französischen Kriege an der Seine und Garonne aufgewachsen; 
Sachse von Geburt, Neffe König Richards von England, ver—
	        
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