Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Germanisation der Lande zwischen Elbe und Oder. 351 
sprünglichen Fluranlage noch viel mehr betroffen. Die ein⸗ 
zelnen Gewannen lagen ohne zwischenführende Wege zumeist 
geschlossen aneinander; es war dem einzelnen Hüfner nicht mög— 
lich, auf die Mehrzahl seiner Ackerstücke zu gelangen, ohne die Äcker 
anderer Hüfner, seiner Dorf- und Markgenossen, zu überschreiten 
oder zu überfahren. Die notwendige Folge war, daß alle Genossen, 
im sich gegenseitig nicht zu stören, zu gleicher Zeit bestellen, säen, 
ernten mußten, was wiederum nur möglich war bei Anbau derselben 
Frucht: eisern herrschte der Flurzwang: kein Landwirt war in 
der Lage, individuell, nach bloßem eigenen Ermessen seine Wirt— 
schaft zu handhaben, zu bauen, wie, wo und was ihm beliebte. 
Das System unterzwang mithin jede wirtschaftliche Individualität 
seinen rauhen und unabänderlichen Anforderungen; es hemmte 
den Fortschritt besserer Wirte. Es konnte nicht ausbleiben, 
daß es als Härte empfunden ward, sobald die Fortschritte der 
materiellen, politischen und geistigen Kultur den Einzelnen zu 
versönlicherem Leben geschickt machten. 
Seit dem 8. und 9. Jahrhundert, in der Zeit des ersten 
zroßen Ausbaues neuer Dörfer in den noch ungelichteten Ur⸗ 
wäldern der Heimat, fing der deutsche Bauer zuerst an, dunkel 
die Veraltung der bisherigen Flurverfassung zu ahnen, und so— 
fort begann er bei Anlage neuer Dörfer mit dem Versuch, 
Besseres an die Stelle zu setzen. Das Einfachste war, daß man 
die bisherige Kleinheit der Gewanne, wie sie den urzeitlichen 
Schwierigkeiten der Rodung entsprach, nunmehr bei besseren 
Mitteln der Urbarmachung aufgab. Die Gewanne der Kolo— 
nialdörfer schon der Karlingenzeit sind darum meist groß und einheit— 
lich angelegt; nicht selten besitzt jeder Hufner in jedem Gewann 
Stücke von vier bis zehn Morgen. Bei dieser Ausdehnung war 
es denn auch möglich, zwischen den Gewannen, deren es nun 
biel weniger gab, schmale Wege auszusparen, so daß jeder 
Hüfner ohne Überfahren fremder Parzellen zu dem Seinigen ge— 
langen konnte. Unzählige Kolonialfluren sind im 8. bis 11. Jahr⸗ 
hundert und noch später nach diesem verbesserten System in 
den Wäldern des Mutterlandes, vornehmlich der rheinischen 
Gegenden, entstanden.
	        
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