Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

352 Zehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Allein es blieb dabei immer noch ein Bedenken. Noch 
immer lag die Hufe in vielen Stücken zerstreut über die Flur 
hin, noch immer mußte viel Zeit auf die Wege von einem zum 
anderen Stück wirtschaftlich nutzlos verschwendet werden, noch 
immer war es nicht leicht, sich von dem Wirtschaftsplan der 
benachbarten Hüfner zu entfernen. So gelangte man schon früh 
in Ober⸗ wie Mitteldeutschland und vornehmlich wohl in den 
Niederlanden zu einem dritten System, das völlig von den 
beiden bisherigen Fluranlagen verschieden war. Nicht im 
Durcheinander ihrer Ackerstücke, sondern durchaus voneinander 
geschieden, als je eine große Ackerfläche wurden die Hufen be⸗ 
gründet. Mit Vorliebe benutzte man zu diesen neuen Anlagen 
die sanft ansteigenden Thäler der deutschen Mittelgebirge oder 
die weitgedehnten Moorflächen des Nordwestens. Hier zog man 
dem Bache oder dem Bruche entlang eine feste Straße: an ihr 
wurde in gewissen Entfernungen Hof an Hof erbaut und jedem 
Hofe das auf die Straße stoßende, ihn umgebende Land bis 
zur mittleren Grenze mit den benachbarten Höfen zugewiesen. 
So entstanden lange Ackerstreifen von bedeutender Ausdehnung, 
die in den meisten Fällen rechtwinklig auf die Straße stießen 
und von da ab in die Wildnis des Waldes oder des Moores 
verliefen. Jeder von diesen Streifen war groß genug abgemessen, um 
eine Hufe zu bilden: das Problem, die Hufe in einem Stücke 
anzulegen, war gelöst. Auf diese Weise erwuchsen jene Dörfer, 
die man wohl Fadendörfer genannt hat: einstraßig ziehen sie sich 
in gleichgemessener Entfernung ihrer einzelnen Gehöfte stunden— 
weit durch die Thäler Mitteldeutschlands und die einst bruchigen 
Ebenen Belgiens, Hollands und der niedersächsischen Landesteile 
hin, in sauberem Anbau getrennter Wirtschaften, mit meist 
herrlichen Wiesen im Grunde, mit schweren Getreideschwaden 
jenseits des Straßendamms, mit Weide und Wald an der 
äußeren Grenze der von der Straße wegstrebenden Feldmark. 
Das Ideal individualistisch-agrarischer Thätigkeit war damit 
erreicht; das neue System, anfangs, z. B. im Odenwald, noch 
unwirtschaftlich konstruiert, wurde bald wesentlich verbessert; 
jeder tüchtige Wirt mußte sich nach seiner Einführung sehnen:
	        
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