356 Zehntes Buch. Zweites Kapitel.
In diesen Königshufen vergaben unsere Herrscher schon
früh vieles Land für treu geleistete Dienste; schon im
d. Jahrhundert sind sie nachweisbar in Hessen und in West—
falen, im Salzburgischen, an der Save und in Ungarn, in den
Ardennen und bald auch in den slawischen Kolonisationsgebieten
des Nordostens. Und wer von allen Siedellustigen der deutschen
Kaiserzeit hätte nicht gewünscht, daß die Königshufe das ge⸗
meine Maß alles zu urbarenden Landes werden möchte? Die
Grundherren konnten sich dem Einfluß des königlich großen
Landmaßes nicht entziehen; auch die Hufen, welche sie aus—
thaten, stiegen an räumlicher Ausdehnung.
So waren alle Momente guter Vorbedeutung vereint, um
die Besiedelung zunächst des Mutterlandes zu begünstigen: das
wirtschaftliche eines größeren Hufenumfangs, das rechtliche
steigender Freiheit, das soziale geringerer genossenschaftlicher
Bindung: auf einen Punkt hin drängte die ganze Bewegung,
auf die Erziehung des Landmanns zur Rodearbeit, zum Aus—
bau in freierem Besitze. So ward zunächst das Mutterland im
12. und 13. Jahrhundert vollends geurbart.
Aber diese Thätigkeit war nur die Vorstufe der größeren
Kolonisation des Ostens. Nicht in blöder Unerfahrenheit wandten
sich die deutschen Siedler in die slawischen, die magyarischen
Gegenden. In harter Arbeit daheim hatten sie gelernt, neue
Grenzen die Hänge des Urwaldes emporzuziehen, gastlichen Rauch
aufsteigen zu lassen im unbewohnten Thal; und in einer wohl⸗
thätigen sozialen und rechtlichen Emanzipation hatten sie die Kraft
gewonnen, sich und nur sich selbst anzugehören unter Aufgabe
jedes genossenschaftlichen und herrschaftlichen Schutzes. Der
herbe Mut des Auswanderers, ohne die Verzweiflung des ver—
schuldet ins Elend Getriebenen, beseelte sie: gern zogen sie von
dannen; lockend, wenn auch nicht ohne Züge saurer Mühe, er⸗
schien ihnen die Zukunft; sie zweifelten nicht, ein besseres Los zu
erringen. Es ist die geistige Disposition, die den echten, den er—⸗
folgreichen Auswanderer aller Zeiten geziert hat: wie sie bei
den Vlamingen und Holländern am ausgeprägtesten vorhanden