Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Achtes Buch. Erstes Kapitel. 
entwickelter oder erst im Emporkommen begriffener spezifischer Wirt⸗ 
schaftsmächte handelt. Beispiele zur Erklärung des Unterschieds 
liefert schon das erste Jahrtausend unserer nationalen Geschichte. 
Der Grund und Boden im Anfang unserer naturalwirtschaftlichen 
Zeit war zunächst nahezu gleichmäßig unter die Volksgenossen 
verteilt; die Organisation der Volkswirtschaft war halb commu— 
nistisch-sozialistisch. Erst seit dem 6. Jahrhundert, mit der all— 
mählichen Individualisierung der Rechte am Grund und Boden, 
machte dies System dem entgegengesetzten Platz. Grund und 
Boden ward nun zum sozialen und politischen Machtmittel von 
Einzelpersonen; und indem sich diese des neuen Elementes mit 
sehr verschiedenem Erfolge bemächtigten, wurden außerordentliche 
Massen von Grundbesitz in wenigen Händen angehäuft, während 
der Menge die alte Wohligkeit einer vollen Ackernahrung anfing 
verloren zu gehen. Das neue ausgedehnte Grundeigentum der 
Großen aber bedurfte einer neuen Organisation: sie konnte nur 
individualistisch sein; gefunden ward sie in der Grundherrschaft: 
die Grundherrschaft bestimmte vom 8. bis 11. Jahrhundert den 
Charakter der deutschen Wirtschaft. 
In verwandter Weise, wie die naturalwirtschaftliche Zeit, ist 
auch jenes neue Zeitalter der nationalen Wirtschaft verlaufen, das 
mit der Entwickelung von Handel und Handwerk zunächst in den 
Städten begann. Sein sozial wichtiger Faktor ist das Kapital: 
das Kapital übernimmt die ein Jahrtausend lang vom Grund und 
Boden inne gehabte Stellung, das Kapital wird das gesellschaftliche 
und politische Machtmittel der neuen Zeit. Aber auch hier läuft 
anfangs das Bestreben aller, die mit dem neuen Element in 
Berührung treten, der Bürger vornehmlich, auf einen gleich— 
mäßigen Genuß seiner Kräfte und Wirkungen hinaus: so ist 
die Gesetzgebung der mittelalterlichen Städte bestrebt, eine thun— 
lichst gleichmäßige Verteilung des Kapitals auf alle Insassen 
der Stadt durchzuführen, sie kennt das Kapital im Grunde 
nur als Arbeitskapital; ihr volkswirtschaftliches System zeigt 
sozialistischen Hintergrund. Aber auch hier erfolgt schließlich, 
merklicher seit dem 18. Jahrhundert, die Individualisierung des 
Kapitals als Machtmittel; seine Bedeutung für individualistische
	        
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