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I. Buch. Production und Consumtion.
sich meist besser befanden, als das in der Gegenwart der Fall ist. Freilich
wird es noch eingehender cultnrhistorischer Studien bedürfen, um die socialen
und ökonomischen Verhältnisse der Vorzeit so sicher klarzustellen, daß ein end-
giltig abschließendes Urtheil über das größere oder geringere Wohlbefinden
der Menschheit in den frühern Zeiten der historischen Entwicklung möglich ist.
Wie dem aber auch sei, so viel steht fest, daß der bittere Mangel, dem
heutzutage so viele Menschen ausgesetzt sind, mit der Fülle von Gütern, welche
die Production unserer Tage hervorbringt, an und für sich einen grellen
Contrast bildet.
Wenn man jedoch den Ursachen desselben sorgfältiger nachforscht, so wird
man sich diese Erscheinung vollkommen erklären können.
Zunächst muß man sich hüten, bei der Erforschung der Ursachen in ge
wisse Irrthümer zu verfallen, liitb vor allem es vermeiden, den Schwierigkeiten
der Erklärung dadurch auszuweichen, daß man die geschichtlichen Thatsachen
ignorirt oder entstellt, oder daß man zwischen civilisirten und uncivilisirten
Völkern, zwischen Europäern der Jetztzeit und den wilden Stämmen, zwischen
Ländern, die Jahre des Friedens und der Macht erlebt haben, und solchen, die
sich inmitten der Leiden des Krieges befinden oder an denselben noch zu tragen
haben, nutzlose Vergleiche anstellt. Das ist ein durchaus falsches Verfahren.
Sodann darf man auch nicht die durch die technischen Umgestaltungen
hervorgebrachten Vortheile dadurch herabsetzen, daß man diese llmgestaltnng
für die einzige oder die hauptsächlichste Ursache der Leideu, von denen unsere
Zeit heimgesucht wird, erklärt und für die üble Richtung, welche Production
wie Consumtion theilweise genommen haben, für die Unehrenhaftigkeit und
Verschwendungssucht, die Abstumpfung der geistigen Fähigkeiten, der gewisse
Klassen von Arbeitern verfallen sind, die unbefriedigenden Beziehungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Reichen und Armen, verantwortlich
macht, gleich als ob Grausamkeit und Unterdrückung etwas Neues auf der Welt
wären, und als ob, wenn das Herz der Menschen verhärtet ist, das fühllose
Metall der Triebräder oder der Bohrmaschinen den Tadel verdiente, welcher viel
mehr den ehernen Stirnen und den stählernen Herzen der Menschen gebührt.
Ferner ist es ein großer Irrthum, daß man allerdings einerseits die
durch Erfindungen der Neuzeit verursachte große Steigerung der Production
materieller Güter anerkennt, andererseits aber das Ausbleiben der allgemeinen
Glückseligkeit für eine Folge der ungerechten Art der Gütervertheilnng ausgibt
und behauptet, einer kleinen Minderzahl sei es gelungen, die bei weitein größere
Menge der ht vermehrtem Maßstabe erzeugten Güter in ihre Taschen zu leiten,
während die Mehrheit nicht besser oder vielmehr schlimmer als zuvor daran
sei. Es ist allerdings etwas Wahres an diesen Behauptungen. Ein beträcht
licher Theil der Nothstände der Gegenwart ist wirklich die Folge schlechter