— 325 —
5. ünmittclbar vor der Wildniss, durch welche der Thü-
nensche Wirthschaftsstaat wie eine Ciilturoase isolirt ist, liegt
als Conscqiienz der Transportrücksichten die Zone der Vieh
zucht. Am andern Extrem, d. h. als ein die Stadt unmittelbar
umgebender Ring hat sich der Kreis der sogenannten freien
Wirthschaft gebildet, in welcher die intensivste Cultur mit der
unbeschränktesten Wahl in der Abfolge der Bodenbenutzung
verbunden ist. Der Kranz der feineren, den Gartenbau in er
heblichem Umfange einschliessenden Cultur und Wirthschaft,
welcher sich um die grossen Städte bildet, ist eine seit Jahr
hunderten und z. B. auch von Boisguillebert beobachtete That-
sache. Zwischen den erwähnten beiden Extremen schieben sich
nun noch vier andere Kreise ein, die in der Richtung vom
Mittelpunkt zum Umfang aufgezählt, der Forstwirthschaft, dem
Fruchtwechsel, der Koppelwirthschaft und dem Dreifeldersystem
entsprechen. Uns interessirt in dieser Anordnung, welche einzig
und allein eine Folge der Transportkosten sein soll, nicht die
besondere Gestaltung und deren Kritik, sondern der allgemeine
in derselben ausgeprägte Gedanke, dass die Bewirthschaftungs-
systeme in ihrer geographischen Gruppirung und mithin auch
in ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge relativ nothwendige Gebilde
seien. Dieser Relativismus steht denjenigen Vorstellungen
gegenüber, welche ein einziges, als vollkommen hingestelltes
System für die verschiedensten Verhältnisse zur Richtschnur
nehmen. Auch ist er insoweit berechtigt, als wirklich die Rente
und die Abhängigkeit vom entfernten Markt die entscheidenden
Ursachen der Wirthschaftsgestaltung zu bilden fortfahren. Unter
andern Voraussetzungen lässt sich aber diese Betonung der blos
relativen Vorzüglichkeit ernstlich anfechten, und sie muss sogar
im Hinblick auf die Kreuzungen anderer Umstände auch schon
Angesichts der bisherigen Geschichte und gegenwärtigen Geo
graphie der Wirthschaftssysteme ernstlich eingeschränkt werden.
Dennoch birgt diese Vorstellungsart einen Kern, der mit Hülfe
der kritischen Oekonomie weit rationeller entwickelt werden
kann, als es durch Thünen geschehen ist. Der Urheber der
Idee hat nämlich die natürlichen Rückwirkungen einer hoch
entwickelten Industrie auf den Zustand der Landwirthschaft
vernachlässigt, um nicht zu sagen ausser Betracht gelassen.
Sein Heimathsstaat war für nachhaltigere Wahrnehmungen
dieser Art kein glücklich gelegener Standpunkt gewesen, und so