Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 91
sollt nicht zugelassen werden, wo wir ein Regiment und Fürsten
hätten. Es war das noch eine sehr gemäßigte Ansicht, Radi⸗
fale forderten viel mehr: alle Fuggerei soll abgethan sein; kein
Wein, Tuch, Frucht, die in unserem Lande nicht erzeugt ist,
soll eingeführt werden, man müßte es denn zu großer Leibes⸗
iot thun.
Und diese Strömung ging durch alle Schichten des Volkes.
Daß Adel und Bauern so dachten, war selbstverständlich. Aber
auch in den Städten regte sich die Opposition immer mehr,
zumal man das ungewöhnliche Steigen der Preise, wie es
schon in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts be⸗
merklich wurde, übertrieben fast allein den Geschäftskniffen der
Ringe Schuld gab. Die Gemeinden, mit Ausnahme der großen
Kaufleute, traten mit Klagen und Reformplänen auf, im Süden
wie im Norden; nach der sog. Reformation Kaiser Friedrichs III.
soll kein Kaufmann und keine Gesellschaft einen größeren Handel
treiben als bis zu einem Geschäftskapital von 10000 rheini⸗
schen Gulden: was man darüber besitzt, soll man der Obrigkeit
um 40/0 Zinsen leihen; diese wird das Geld zu 80/0 weiter
oerleihen an arme geschickte Gesellen, die sich mit einem ge—
ringen Kapital wohl zu nähren wissen.
Man sieht, die gesetzgeberischen Maßregeln gegen den kauf—⸗
männischen Kapitalismus sollten auf dem Gebiete des Hand⸗
werks dem Ausgleich zwischen den kapitalreichen Zunftmeistern
und den armen Gesellen zu gute kommen. Denn auch die
Entartung der Zunfte war längst als ein allgemeines Übel
erkannt; schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts
sprechen die Quellen hierüber laut und deutlich. Indes mehr
als durch positive Bedenken ward die öffentliche Meinung auf
diesem Gebiete doch durch die stets wachsende Gefahr proleta⸗
rischer Auffassung des Lebens und der Arbeit seitens der unteren
Volksklassen beunruhigt. Sebastian Franck spricht einmal da—
von, es sei soweit gekommen, daß Arbeit als Schande gelte,
und Luther führt in seinem Sermon von guten Werken im
Jahre 1520 aus: Niemand will arbeiten; darum müssen die
Zandwerksleute ihre Knechte feiern lassen; die sind dann frei,