Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Einleitung. 
ging, breitete er zugleich vor seiner Zeit die Fülle einer Offen— 
barung aus, deren Einzelheiten sich ganz auf dem Niveau des 
neuen Geisteslebens bewegten. Denn mag auch die Über— 
lieferung des Urchristentums und der Geschichte Jesu auf uns 
nur in gleichsam reflektiertem Lichte gekommen sein, durch sehr 
verschiedenartige Personen, Begriffskreise, Litteraturformen ver— 
mittelt: so viel ist doch klar, daß jegliche Form treuerer Über— 
lieferung uns den vollen Individualismus des Stifters unserer 
Religion und die sichere Bewältigung der religiös-ethischen 
Vrobleme einer hohen Kultur gewährleistet. 
Aber waren nun alle Kreise der Nation reif für die Auf— 
nahme so vornehmer geistiger Kost? Luther wandte sich an 
alle; hat er aller Herzen nicht bloß gerührt, sondern auch mit 
dem Geiste seiner Lehre erfüllt? Der Reformator selbst läßt 
nicht ab, sich über diesen Punkt in den bittersten Klagen zu 
ergehen. Der großen Menge war er in den jungen Jahren 
der religiösen Bewegung vor allem der Agitator gegen die 
Schäden der alten Kirche, weniger der Begründer einer neuen; 
nach dem Bauernkrieg des Jahres 1525, als er offen aufdeckte, 
wie sehr ihn die unteren Kreise mißverstanden hatten, ward er 
auf lange Zeit einer der unpopulärsten Männer im Reiche. 
Es ist nicht anders: das Evangelium in seinem wahren Ver— 
stand blieb noch Generationen hindurch ein geistiges Manna 
vornehmlich der Gebildeten; es war mehr ein Ferment künftiger 
religiöser Haltung auch der nationalen Tiefen, als ihr unver— 
äußerliches Besitztum; nur so erklären sich die Erfolge der 
Gegenreformation schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahr—⸗ 
hunderts. 
Und stand es mit Renaissance und Humanismus anders? 
Noch viel mehr waren sie Eigentum nur geringer Teile der 
Nation; vornehmlich nur in den vornehmen Bürgerhäusern, 
an den Fürstenhöfen, an den Universitäten waren sie zu Hause. 
Nur langsam entstanden von diesen Stellen aus Kanäle, die 
tiefer führten; die Entwicklung des Kunsthandwerks der Re— 
naissance, die Ausbildung eines höheren humanistischen Schul— 
vesens vor allem haben hier eingewirkt.
	        
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