Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Einleitung. 
Vorläufig aber blieb es bestehen: die neue individualistische 
Kultur mit ihrem künstlerischen und litterarischen Realismus, 
mit ihrer Begeisterung für das klassische Altertum und mit 
hrem tiefern Verständnis der Lehre Luthers war auf an Zahl 
geringere Kreise beschränkt. Und wie hätte es anders sein 
können? Nur die Stellen fast, in denen eine Lösung mittel— 
alterlichen Geisteslebens durch starke geldwirtschaftliche Ein— 
wirkung eingetreten war, kamen für sie in Betracht. Die un— 
gleichmäßige Entwicklung der materiellen Kultur spiegelte sich 
wider in den zerstreuten, ungleichmäßigen Fortschritten des 
Geisteslebens; wie auf dem einen Gebiete, so blieb auch auf 
dem andern die Masse der Nation zurück. Es ist der Punkt, 
von dem aus sich der wesentlichste Unterschied der italienischen 
und der deutschen individualistischen Entwicklung begreift. Die 
Renaissance und der Humanismus Italiens erhoben sich 
auf einer atomisierten Gesellschaft, welche, auf geldwirtschaft⸗ 
licher Grundlage lebend, keinerlei lehnsrechtliche, genossenschaft— 
liche und sonstige Fesseln des Mittelalters mehr kannte. Darum 
ergab sich ihre Kultur als dauernd errungen und unzerstörbar; 
sie ist wohl zeitweis hispanisiert worden, aber niemals unter— 
gegangen. In Deutschland dagegen waren die materiellen und 
sozialen Voraussetzungen der individualistischen Kultur nur 
dünn gesäet in der überquellenden Kultur der Städte und dem 
langsamen Heranwachsen der Territorien zu modernen Staaten; 
aur auf religiösem Gebiete erschien eine bestimmte Grundlage 
unauslöschlich gewonnen. So mußte sich lange Zeit hindurch 
Reaktion und Fortschritt kämpfend eben auf religiösem Gebiete 
treffen; die besondere Lage der materiellen Kultur erklärt damit 
die höchst merkwürdige und einzigartige Bedeutung des Pro⸗ 
testantismus vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, ja noch bis 
tief hinein in unsere Zeiten. 
Dem 17. und 18. Jahrhundert blieb die Aufgabe, die im 
16. Jahrhundert erreichte Höhe der Geisteskultur nun auch 
wirtschaftlich und sozial dauernd zu stützen. In welcher Form 
dies durch die Entwicklung der Territorien zu Staaten geld⸗ 
wirtschaftlicher Kultur geschehen ist, wird später zu erzählen
	        
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