Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 217 
ein Gleichnis. Als die vergeistigten Urtypen menschlicher 
Mannigfaltigkeit des Persönlichen treten diese Männer daher, 
in feierlicher Einfachheit, in hohem, prophetischem Ernste; nichts 
Gemeines reicht an sie; selbst die Gewänder, die sie umhüllen, 
sind in den erhabenen Rhythmen ihres Faltenwurfs dem Aus— 
druck des Innern dienstbar gemacht. 
Die Apostel sind in jedem Sinne Dürers letztes Werk. 
Am 6. April 1528 ist der größeste und deutscheste unserer 
Maler verschieden. Sein Leben wur ein ununterbrochener 
künstlerischer Kampf gewesen; doch er hatte gesiegt, und 
noch vor dem Lebensende war ihm sein Wunsch geworden. 
Aber wunderbar genug: indem er sein ästhetisches Ideal sich 
erfüllen sah, begannen sich neue Ziele vor ihm aufzuthun. Die 
von Dürer selbst verfaßte Inschrift der Aposteltafeln enthält 
die Warnung: „Alle weltlichen Obrigkeiten in diesen gefahr— 
vollen Zeiten sollen billig Acht haben, daß sie nicht für das 
göttliche Wort menschliche Verfüuhrung annehmen; denn Gott 
will nichts zu seinem Worte gethan, noch dannen genommen 
haben. Darum horet diese trefflichen vier Männer, Petrum, 
Johannem, Paulum und Marcum!“ 
Indem er seine künstlerischen Ziele immer weiter steckte, 
war Dürer fromm geworden in anderem Sinne, als die mittel— 
alterliche Kirche und damals moderne Schwarmgeister; indem 
er, eine religiöse Natur, den Menschen aufsuchte in seinen 
Tiefen, war er der Reformation Luthers nahe getreten. Auch 
für den Fürsten im Reiche der Kunst hatten sich damit die 
Probleme seines Zeitalters, die er zunächst ästhetisch zu be— 
wältigen versuchte, ins Philosophische, Religiöse verschoben; er 
fühlte es innig, daß das volle Morgenrot der neuen Zukunft 
erst mit einer in sich festen Lösung des Menschen von der 
Weltanschauung der mittelalterlichen Kirche hereinbrechen werde. 
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ihrem höchsten Verstand einen Helden des Geistes und der Kraft, 
der die Schranken des kirchlich hergebrachten Denkens zertrümmere.
	        
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