Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 215 
gehoben; der Typus, das germanische Ideal des Menschen ist 
gewonnen. 
Aber war damit alles erreicht? Eine große idealistische 
Kunst steckt ihr Ziel höher; sie will Sinnliches und Unsinn— 
liches verknüpfen; sie will die Außenwelt geistvoll nachahmen, 
sie verbinden mit den gemütlichen Strebungen, dem Innen— 
leben des Menschen. Hier tritt neben das Typische der Gestalt 
die Typik menschlicher Seelenzustände, menschlicher Konflikte. 
Schon in der Schöpfung des ersten Menschenpaares klingen 
bei Dürer die mit diesen Problemen verknüpften Forderungen 
an. Adam und Eva sind nicht bloß nackte Körper; sie sind 
zugleich die ersten Menschen und als solche in ihrem Schicksal 
als Verführter und Verführerin gekennzeichnet. Aber doch erst 
in den nächsten Werken verfolgte Dürer diese Forderungen 
weiter. Während er auf Bestellung 1608 die Marter der 
Zehntausend, 1509 den Hellerschen Altar, 1511 das Aller— 
heiligenbild schuf, fesselte ihn bei diesen Bildern vor allem die 
Wiedergabe einzelner Personen, deren Charakter durch typische 
Darstellung im Sinne einer cholerischen, melancholischen oder son— 
stigen Komplexion zu lösen wäre. In dieser Richtung konnte er 
sich nicht genugthun in Studien, die sich nicht bloß auf Kopf, 
Figur und Haltung, sondern auch auf die jeweils bezeichnende 
Gestaltung der Gewandung erstreckten. Das ewig erneuerte 
Suchen aber führte ihn naturgemäß wieder zu den kleineren 
Techniken, zur Zeichnung für den Holzschnitt und zum Kupfer— 
fstich. Die Wendung wurde deutlich, als er mit dem Jahre 1511 
die großen Holzschnittfolgen der Apokalypse, des Marienlebens, 
der großen und der kleinen Passion teils von neuem, teils zum 
erstenmal herausgab. Sie wurde zudem auch äußerlich nahe— 
gelegt durch den Mangel an Aufträgen für Gemälde und durch 
die jetzt beginnenden großen Bestellungen des Kaisers Max für 
den Holzschnitt der Ehrenpforte und des Triumphbogens. Als 
für die tieferen Zwecke Dürers geeignet ergab sich freilich nicht 
mehr der Holzschnitt, sondern der Kupferstich. Er beherrscht da— 
— DDDD00000 
handelt, die nächsten Jahre; und technische Verbesserungen,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.