Religiöse Bewegung; Luther.
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sich ein Jahrfünft später den Papst doch zunächst nicht anders
vorstellen, denn als treuherzig und gerade, gleich sich selbst.
Im ganzen aber blieb der erste Eindruck: „Ich wollte nicht
hunderttausend Gulden dafür nehmen, daß ich nicht auch Rom
gesehen hätte; ich müßte mich sonst immer besorgen, ich thäte
dem Papste Gewalt und Unrecht; aber ꝰwas wir sehen, das
reden wir?.“
Mit diesem Ergebnis wanderte Luther aus der ewigen
Stadt heim nach dem kleinen Wittenberg. Der Gegensatz
konnte kaum größer sein. Schon die Umgebung der heimat—
lichen Stadt, deren Wesen noch heute fast nichts als das Zeit—
alter des Reformators widerspiegelt, hatte zu dem liebens—
würdig bedauernden Reim Anlaß gegeben:
Ländiken, Ländiken,
Du bist ein Sändiken.
Die Stadt selbst war ein wirres und schmutziges Durcheinander
weniger, mit Lehmhütten besetzter Straßenzeilen, aus dem
einige bessere kirchliche und weltliche Gebäude hervorragten; in
ihr lebte eine Bevölkerung von etwa 3000 Seelen. Luther
mußte sich darin gleichsam an den Grenzen jener Okumene der
Kultur fühlen, als deren Mittelpunkt Rom noch immer gelten
konnte; noch im Jahre 1186 ist der Landstrich um Wittenberg
ein locus ab infidelibus prius occupatus genannt worden.
Nun war freilich seitdem die Besiedlung des Ostens erfolgt,
und seit dem 14. Jahrhundert waren Lichtwellen höherer Bil⸗
dung von Prag und Erfurt her auch über die Binnenlande
jenseits der Elbe gedrungen. Ja, vom deutschen Standpunkte
aus, den Blick auf die Zukunft gerichtet, konnte man sich schon
versucht fühlen, Wittenberg nicht so sehr als an den Grenzen
deutscher Bildung, denn vielmehr als im Centrum der mutter—
ländischen und der kolonialen Teile der Nation gelegen zu
denken: unvergleichlich vielleicht für einen Agitator des Geistes,
der von hier aus sich in einem mittleren Dialekt nach allen
Seiten verständlich machen konnte!.
S. Genaueres hierüber unten Kapitel 2 Nr. L, J.