234 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
der Erfurter und Wittenberger Klosterzelle hatte sich, für uns alle
noch heute wirksam, für die letztvergangenen Jahrhunderte ent⸗
icheidend, die endgültige, vorbildliche Scheidung zwischen mittel⸗
alterlichem und nachmittelalterlichem Geiste vollzogen.
Das Christentum, ursprünglich eine Lebensgemeinschaft in
bestimmtem Anschluß an die Traditionen über das Leben
Christi, war durch den Übergang an die Griechen mit ihrer
ausgebildeten Philosophie zu einer Gemeinschaft vor allem der
Lehre geworden. Diese Lehre, von den Griechen dogmatisch
niedergeschlagen, war weiter in der römischen Umformung des
Christentums zum Gesetze erstarrt. Als ein System gesetzlicher
Forderungen, als ein Erzeugnis zugleich höchster Kultur, war
dann das Christentum an die niedrig civilisierten Volker des
Mittelalters, auch an die Deutschen, gelangt.
Nun hätte dieser Vorgang an sich schon zur juristischen
Versteinerung auch einer vollkommen in Frommleben aufgehen—
den Religion führen müssen: denn Religionen höherer Kultur
können sich gegenüber niedriger civilisierten Voöolkern nur in
hierarchischen, wenn nicht gar despotischen Formen zur Geltung
bringen, wollen sie anders auf Sitte und Glauben wirken.
Um wie viel mehr mußte dies mit dem Übergang des an sich
schon jurifizierten römischen Christentums auf das deutsche
Mittelalter eintreten! Die Lehre vereiste jetzt erst recht zu
einem Codex juris, und die aristokratische Hierarchie des 8.
bis 8. Jahrhunderts ward abgelöst durch den papalen Despo—
tismus.
Wie verschob sich nun unter diesen Wandlungen die An—
schauung vom Zustand der Frommen, von der Seligkeit? War
dieser Zustand ursprünglich rein individuell gedacht worden,
als ein glückliches Leben persönlichen Gottvertrauens, so ward
er jetzt objektiv vorgestellt als das durch die Kirche und deren
sakramentale und asketische Mittel gewirkte Wunderdasein der
Visio Dei. Es war zugleich eine durch die ganze psycho⸗
logische Disposition der mittelalterlichen Welt aufgedrängte
Nötigung: wie sollte die gebundene Persönlichkeit des 10. bis
15. Jahrhunderts freithätig aufstreben zu subjektiver Sicherheit