Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

286 Fünfzehntes Buch. Erstes Rapitel.

erst das verknüpft ihn mit dem Christentum — mit Hülfe der
biblischen Offenbarung. Er war der Kämpfer; Sieger ward er
durch die Waffen geschichtlich-göttlicher Verheißung. Das Be—
dürfnis individuellen Verhältnisses zu Gott war das Ur—
spruͤngliche; erfüllt ward es durch die hinzutretende Wohlthat
des Evangeliums. So verbanden sich, sein religiöses Dasein
zu vollenden, zwei Strömungen: die der persönlichen Hingabe
an Gott und die der Aufzeigung eines Heilsweges durch die
biblische Offenbarung. Ihr Ergebnis war die protestantische
Frömmigkeit, ja die deutsche Weltanschauung des 16. bis
18. Jahrhunderts.
Nun konnte aber die erstere, rein individualistische Strö—
mung leicht Schaden leiden, ja gelegentlich abgesperrt werden,
sobald sich innerhalb der zweiten feste Massen eines gerei—
nigten Dogmas aufbauten. Es ist eine Gefahr, der die Ent—
wicklung der evangelischen Kirchen nicht entgangen ist. Luther
in seiner Heldenzeit war von dieser Gefahr weit entfernt. Noch
stand er am klaren Quell der Bildung seiner Uberzeugungen; nie—
mals hat er das von ihm frei persönlich beigebrachte Element
unterschätzt. Auch fand er bei vollster Anwendung seiner Methode
auf geschichtlichem Gebiete noch kein Dogma vor. Er hatte sich
nur an die Bibel zu halten; das Dogma aber ist später gebildet
worden, als der Kanon der neutestamentlichen Schriften. Für die
Zukunft aber hat er sich später wenigstens gelegentlich mit dem
Gedanken getröstet, daß eine fortgesetzt erneute Bearbeitung
der Schrift zur stetigen Regeneration der Glaubensanschauungen
zu führen imstande sei: das war ihm in seinen besten Augen—
blicken der Sinn des Prinzips freier Forschung. Und auch ganz
allgemein war er später, und erst recht in der Zeit der Bildung
seiner Lebensanschauung, weit davon entfernt, das Wesen des
neuen Glaubens vornehmlich in abgeklärten Lehrmeinungen zu
suchen. Das widersprach seiner ganzen Natur; das wäre ihm
Werkdienst gewesen: „Werke aber gehören dem Nächsten, der
Glaube Gott.“ Vielmehr, wie die religiöse Überzeugung jedem,
der sie besitzt, als die sicherste aller Wissenschaften gilt und als
die encyklopädische Grundlage jedes Meinens und Handelns, so
            
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