Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

238 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Mißbräuche, sondern auch die Lehre angegriffen und das Herz
abgebissen.“ Zunächst aber wandelte er noch dahin unbekannt
mit den furchtbaren Gaben, die er im Busen trug. Er war
eine innerliche Natur, und insofern konservativ. Er ließ sich
an dem persönlichen Glück des neuen, ihm offenbarten Evange—
liums genügen; er fühlte nicht die Verpflichtung zu einer
Propaganda der That außerhalb seines Berufes. Er besaß die
selbstsichere Bescheidenheit des Genies. Er hat einmal bemerkt,
ein gutes Werk werde selten aus Weisheit oder Vorsichtigkeit
unternommen; es müsse alles in einem Irrsal oder Unwissenheit
geschehen.
Aber ward er gezwungen zur That: — wie anders er—
schien dann der Reformator. Dann war es ihm gegeben, daß
er stahlhart sein konnte trotz innigen Gemütes, daß seine Zunge,
so wohltönend im Gesang, zum vernichtenden Schwert ward, daß
seine Herzensweichheit sich donnernd ergoß in empörten Lauten,
wie sie dem Quellborn der deutschen Sprache noch niemals
entsprungen waren. So, ein Mann seelischer Kämpfe, deren
tiefes Weh ihn mild gemacht hatte im privaten Verkehr, deren
endlicher Sieg aber ihn härtete im Vertrauen auf Gott, furcht—
los und treu, festen Körpers trotz aller Nachwirkung unsinniger
Askese, trat er vom Katheder herab in den Kampfplatz der
Gemeinde, der Nation, der Welt, da seine Stunde gekommen war.

II.

Für die Anschauungen Luthers, soweit sie sich um die
Jahre 1515 bis 1617 abzuklären begannen, konnte innerhalb
der kirchlichen Praxis des Alltags kaum irgend etwas anstößiger
erscheinen, als der Gebrauch der Sakramente. Auf diesem
Gebiete vor allem hatte sich die Kirche veräußerlicht, indem die
Wirkungen der Sakramente immer magischer vorgestellt worden
waren, während gleichzeitig die Bedingungen, unter denen ihr
Genuß zu erreichen war, immer lässiger gefaßt wurden.
Die Lehre von den Sakramenten gipfelte nun in der
Eucharistie als dem Hauptsakrament: allgemein ward es als die
            
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